| Nach
37 Jahren (April 1992): Celibidache wieder am Pult
der Berliner Philharmoniker:
Ein
Spätheimkehrer an der Spree Klaus
Geitel Die
Heimkehr des verlorenen Vaters Wolfgang
Sandner Bewegende
und beglückende Begegnung Eckard
Schwinger Gelassen
und triumphal Frieder
Reinighaus Triumphale
Rückkehr eines Verwandelten Albrecht
Roeseler Ein
Eidbruch wird zum Ereignis Hellmut
Kotschenreuther Der
triumphierende Heimkehrer Sybill
Mahlke
Ein
Spätheimkehrer an der Spree Klaus
Geitel
Darauf hatte das
Musik-Berlin jahrzehntelang gewartet: die Rückkehr
Sergiu Celibidaches ans philharmonische Pult, an
dem er am 29. August 1945, Berlin lag in Schutt
und Asche, seine erratische Karriere begann. 414mal
hat Celibidache das Berliner Philharmonische Orchester,
das ihm in den schwersten Zeiten der hundertzehnjährigen
Orchestergeschichte unendlich viel zu verdanken
hat und dem er selbst unendlich vieles verdankt,
im Laufe der frühen Nachkriegsjahre dirigiert. Bis
er nun auf Einladung des Bundespräsidenten zum 415.
Mal vor seinem alten Orchester stand, mussten 37
Jahre vergehen; eine unerklärliche, eine unverständliche
Pause. Nun aber ist der letzte Mauerrest in Berlin
gefallen; jener, der das Berliner Philharmonische
Orchester von Celibidache trennte. In zwei Benefizkonzerten
zugunsten rumänischer Kinderheime dirigierte er
Bruckners siebte Sinfonie.
Für die Aufführung
der E-Dur-Sinfonie benötigte Karajan rund 65 Minuten,
Giulini 67, Chailly und Jochum 69, Maazel 74 Minuten.
Celibidache dagegen forderte für seinen ebenso gewaltigen
wie gemessenen Vortrag des Stückes etwas über anderthalb
Stunden. Was unter seinen Händen erklang, war, leicht
nachprüfbar, zweifellos dieselbe Musik; aber, Wunder
über Wunder, keinen Takt lang die gleiche.
Sechs Proben hatte
Celibidache gefordert - und bekommen; ein Zeitaufwand,
zu dem sich die Philharmoniker sonst nicht gern
hinreißen lassen - und schon gar nicht bei einem
ihnen angeblich längst in Fleisch und Blut sitzenden
Stück. Celibidache aber machte den Musikern deutlich,
dass Fleisch nicht einzig Sitzfleisch bedeutet und
Blut nach wie vor ein ganz besonderer Saft ist.
Dirigieren heißt für ihn nichts anderes als musikalische
Aufklärungsarbeit leisten. Dazu braucht es innere
Zuwendung, Muße, Versenkung, Erleuchtung. Celibidache
wies im Grunde einzig nach, dass die Zeit der Durchreise-Auguste
am Dirigentenpult längst vorbei ist.
Auch die Philharmoniker,
eingesponnen in ihr Netz aus kommerziellen Verpflichtungen,
empfanden das wohl und vielleicht seit langem wieder
zum ersten Mal. Sie baten Celibidache nach einer
Probe zu einem Gespräch über Musik, zu dem sich
an die vierzig Musiker einstellten, ein gutes Drittel
des Orchesters also. Und anderthalb Stunden lang
ging der Dialog hin und her. Er mündete in den Wunsch,
Celibidache regelmäßig jede Spielzeit am philharmonischen
Pult in Berlin wiederzusehen; in der Bitte, dem
Orchester nach Möglichkeit eine ganze Arbeitswoche
unter seiner Leitung einzuräumen. Selbst zu einer
aufklärerischen Wallfahrt nach München, wenn Celibidache
dort mit ihnen arbeiten könnte, sahen sich viele
gedrängt. Die Harmonie zwischen dem Orchester und
dem Maestro war vollkommen, und sie übertrug sich
auf das Konzert. Es wurde in Andachtshaltung gespielt.
Es wurde in Andachtshaltung empfangen.
Der Bundespräsident
hatte in einigen, das Konzert einleitenden Worten
bereits von Celibidaches "bewunderungswürdiger
Integrität" gesprochen, und die ging nun voll
in den wahrhaft altmeisterlichen Vortrag der Sinfonie
unter Celibidache ein. Auf seinem Dreifuß saß er
da wie eine weise, weißhaarige, aufs Konzertpodium
verschlagene männliche Pythia, hineinhorchend in
die Abgründe der Musik und sie in klaren, ruhigen,
deutlichen Zeichen beschreibend.
Das Orchester folgte
ihnen mit Aufmerksamkeit, Hingabe, in aller erdenklichen
Schönheit. Wie ein bloßer Verdacht auf Musik, im
äußersten Pianissimo der sirrenden hohen Streicher,
hob die Sinfonie an. Immer wieder wurden die kontrapunktischen
Künste Bruckners mit Sorgfalt und Bedacht, geradezu
wie auf des Messers Schneide, ausgestellt. Kein
Musikrausch wurde entfesselt. In äußerstem Moderato
entfaltete sich das Allegro, das sich insgesamt
dann eher in einem sehr getragenen Andante entwickelte.
Doch Furchtlosigkeit vor der Gefahr, Langeweile
zu säen, zeichnet Celibidaches unverwechselbare
Kunst seit langem schon aus.
Sehr langsam werden
die Steigerungen angegangen und aufgebaut. Das schwere
Blech wächst auf diese Weise den Höhepunkten entgegen,
ohne je brüllfreudig loszudonnern. Celibidache gibt
dem Klang volle Majestät, ebenso wie er, zumal im
ungeheuren Adagio, das Gefühl ausmusizierter Ewigkeit
aufkommen lässt. Die gemessenen, im Trauerschritt
vorbeiziehenden Fortschreitungen geben überdies
den Orchestersolisten wundervolle Gelegenheit, sich
zu artikulieren. Nie allerdings haben Celibidaches
musikalische Ansichten ähnlich zu überzeugen verstanden
wie jetzt am Pult seines alten Orchesters, in dem
freilich nur die wenigsten je zuvor unter seiner
Leitung gespielt haben dürften. Es ist schon traurig
und bedenklich, dass ein Mann seines Kalibers dem
zweifellos bedeutendsten Orchester Deutschlands
erst jetzt zurückgekehrt ist.
Am Schluss ein vorwitzig
schnelles Bravo, durchaus fehl am Platz. Danach
wieder Stille. Ein Mini-Applaus; auch er wieder
verstummend. Dann endlich löste sich die Spannung
zu unendlichem Jubel und Dank, den Philharmonikern
und dem Mann an ihrer Spitze aus vollem Herzen aufs
ehrlichste dargebracht: Sergiu Celibidache, dem
musikalischen Spätheimkehrer.
KLAUS GEITEL
- Die Welt

Die
Heimkehr des verlorenen Vaters Sergiu
Celibidache dirigiert nach achtunddreißig Jahren
wieder die Berliner Philharmoniker
Musikalische Sternstunden
ereignen sich nicht nur, sie werden auch gemacht.
Wer Sergiu Celibidache nach fast vier Jahrzehnten
wieder ans Pult der Berliner Philharmoniker holt,
an das Orchester, das den jungen Rumänen nach dem
Tod Wilhelm Furtwänglers im. Jahre 1954 ungerechterweise
nicht Zum Chefdirigenten auf Lebenszeit kürte, vielmehr
einen anderen Emporkömmling vorzog, der hat die
Stunde der Kunst programmiert. Richard von Weizsäcker
ist es zu verdanken, daß man vielleicht ein letztes
Mal spekulieren darf. Nach dem Benefizkonzert des
Bundespräsidenten zugunsten der Rumänienhilfe, bei
dem im Berliner Schauspielhaus jetzt die Philharmoniker
und der Eigenbrötler unter den großen alten Dirigenten
der Gegenwart wiedervereint wurden, fragt man sich,
was wohl geworden wäre, hätte nicht der smarte Karajan,
sondern der widerborstige Celibidache seinerzeit
das deutsche Renommierensemble übernommen.
Möglicherweise wäre
der Katalog von Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern
schmaler, die Physiognomie des Orchesters scharfkantiger,
der Aktionsradius der Musiker begrenzter, als dies
heute der Fall ist. Aber das musikalische Sprachrohr
der Frankfurter Schule, Theodor Adorno, hatte wohl
recht mit der Behauptung, kein Orchester könne so
falsch spielen, wie ein Dirigent falsch zu schlagen
vermöge. Will sagen: Die Macht des Dirigenten wird
häufig über-, die des Orchesters unter- schätzt.
Sicherlich hätte sich ein nicht frustrierter Sergiu
Celibidache als Chef eines der bedeutendsten Sinfonieorchesters
der Welt - in einer Zeit, in der die Klänge sich
wie Stammestrommeln eines globalen Dorfes unaufhörlich
auszubreiten begannen - auch anders entwickelt,
als in der relativen Abgeschiedenheit der musikalischen
Provinz. Zum künstlerischen Anachoreten wird man
leichter an der Peripherie der musikalischen Entwicklung.
Wer beeinflußt wen?
Das traditionsreiche Orchester eines musikalischen
Zentrums einen talentierten Dirigenten oder das
individuelle Künstlergenie einen schönen und gefügigen
Klangkörper? Claude Debussy hat dazu die Antwort
gefunden: Als Gott Pan die sieben Rohrpfeifen der
Syrinx zusammenband, ahmte er zunächst nur den langen
melancholischen Ton nach, den die Kröte klagend
zum Mondlicht schickt. Später trat er in Wettstreit
mit dem Gesang der Vögel. Wahrscheinlich haben die
Vögel seit jener Zeit ihr Repertoire erweitert.
Zu Sternstunden gehörte
Suggestion, Das war auch im akustisch ausgezeichneten
Berliner Schauspielhaus, am Gendarmenmarkt spürbar,
als Richard von Weizsäcker den großen und weisen'
Dirigenten am Pult seines Orchesters begrüßte. Die
Berliner Musiker sind zu intelligent, im jahrelangen
Kampf mit Karajan schließlich auch zu selbständig
geworden, als daß sie in Gefahr gewesen wären, die
Zusammenkunft mit ihrem Chefdirigenten aus der Interimszeit
von 1946 bis 1952 nach so vielen Jahren als sentimentale
Geste der Wiedergutmachung zu zelebrieren. Als Heimkehr
des verlorenen Vaters mag das Ereignis mehr dem
respektvollen Publikum erschienen sein, dem nach
einer gigantisch gedehnten siebten Sinfonie von
Anton Bruckner buchstäblich der Applaus in den Fingern
stecken blieb, bis ein generöser Celibidache sozusagen
mit, einem Wink den Weg zu frenetischen Ovationen
freigab. Aber daß sich das Orchester auf der Basis
weniger Proben so vollendet dem Willen Celibidaches
anpaßte, so konzentriert und sensibel reagierte,
hängt sicher auch mit dem Bewußtsein jedes einzelnen
Musikers zusammen, ein außergewöhnliches kulturpolitisches
Ereignis musikalisch entsprechend stützen zu wollen.
Wer die Partitur
von Bruckners siebter Sinfonie nicht in Händen hielt,
der mag sich verwundert gefragt haben, wo die Noten
hergekommen sein mögen, die Musiker in den gut und
gerne zwanzig Minuten gespielt haben, die das Werk
länger als in Interpretationen anderer Dirigenten
gedauert hat. Die Zweifler können beruhigt werden.
Auch Sergiu Celibidache, der wie viele seiner Kollegen
in jüngeren Jahren selbst Komponist gewesen ist,
hat dem Werk nichts hinzugefügt. Aber so wie Celibidache
hat noch kein Dirigent Bruckners Anweisungen zum
ruhigen, sehr feierlichen und sehr langsamen Ausmusizieren
dieser im Todesjahr Richard Wagners entstandenen,
trotz der Tonart E-Dur von düsteren Klangmassierungen
durchdrungenen Sinfonie ernstgenommen. Und nur mit
den auf seine himmlischen Längen ein geschworenen
Münchener Philharmonikern oder eben mit einem Ausnahmeorchester
wie den Berliner Philharmonikern sind solche musikalischen
Zerreißproben möglich, die nicht in der Auflösung
der kompositorischen Struktur enden, sondern in
einer geradezu körperlich erfahre baren musikalischen
Spannung. Wagner hat das Prinzip der unendlichen
Melodie geschaffen, Bruckner hat es in eine sinfonisch
konsequente Architektur übertragen, aber erst Celibidache
hat sozusagen den Blick auf die ganze Schönheit
dieser Konstruktion eröffnet, bei der jeder Ton
den anderen stützt und zugleich melodisch funkelt:
Lebendige Schönheit der Musik, die nicht auf ein
Rechenexempel reduziert werden kann, bei dem zwei
mal zwei genau vier ergibt. Und erst im Zeitlupentempo
Celibidaches werden solche harmonischen Kraftakte
wie die Trugschlußkadenz im Adagio zu nahezu schmerzlich
fühlbaren musikalischen Höhepunkten.
Was Brahms an Bruckner
kritisierte, die Verschleierung der thematischen
Arbeit und des variativen Klangs durch die schier
unendliche Melodie, das wird bei Sergiu Celibidache
und den Berliner Philharmonikern wieder aufgehoben;
vor allem auch deshalb, weil das Orchester die minimalen
Regungen des im Sitzen dirigierenden Celibidache
in klangliche Details umzusetzen vermag, ohne sich
darin zu verlieren. Stets hatte man das Gefühl,
nicht nur der Dirigent, sondern auch die einzelnen
Orchestermitglieder hörten den Ton und seine Folgen.
Es mag ebenso auf
die Akustik des Saales im Berliner Schauspielhaus
zurückzuführen sein, daß die kompositorischen Nervenstränge
des Orchestersatzes so offen liegen. Sicherlich
aber hängt die strukturelle Klarheit auch mit zwei
Faktoren des instrumentalen Spiels zusammen. Die
einzelnen Ensembles der Berliner Philharmoniker
-Streichersatz, Blech- und Holzbläser, aber auch
die einzelnen Gruppierungen innerhalb dieser Sektionen
- verhalten sich sozusagen autark zueinander, als
seien es Stimmen in einem polyphonen Gefüge von,
Johann Sebastian Bach: Dissonantreibungen werden
so nicht durch eine Führungsstimme geglättet, sondern
betont. Zudem neigen die hohen Streicher zu einem
eher unpathetischen, unkonzilianten Ton, die Holzbläser
- möglicherweise unfreiwillig - zu gewissen Klangschärfen.
Der Effekt dieses jegliche Larmoyanz, jegliches
Pathos meidenden Orchestersprache aber ist nicht
etwa ein neutraler, kalter Gesamtklang, vielmehr
ein Trauergestus von ungeheuerer lakonischer Wucht.
Möglicherweise lag es auch an daran, daß es dem
Publikum am Ende des Konzerts zunächst den Applaus
verschlug. Jedenfalls meint man, die Berliner Philharmoniker
mit ihren wunderbaren Blechbläsern kaum je so überzeugend,
so über jeden musikalischen Zweifel erhaben gehört
zu haben. Mag sein, daß dies auch mit Suggestion
zu tun hat. Aber selbst dafür muß man dem Berliner
Philharmonischen Orchester und seinem grandiosen
Dirigenten Sergiu Celibidache in dieser Stunde dankbar
sein.
Wolfgang Sandner
- Frankfurter Allgemeine Zeitung

Bewegende
und beglückende Begegnung Sergiu
Celibidache dirigierte Benefizkonzert der Berliner
Philharmoniker
Bereits vor fünf
Jahren, als der in Berlin zu ersten dirigentischen
Ehren herangewachsene, inzwischen legendäre rumänische
Weltklassedirigent mit den Münchner Philharmonikern
im Schauspielhaus Bruckners "Achte" zur
Aufführung gebracht hatte, wagte zunächst niemand
die Hände zu rühren, so tief saß die Erschütterung
nach der unerhörten, urgewaltige Dimensionen aufreißenden
Wiedergabe. Erst nach langem Schweigen brach ein
Orkan aus. Diesmal, an dem denkwürdigen Tag für
den Dirigenten, das Orchester, die Musikstadt Berlin,
war alles anders, setzte der Beifallssturm gleich
beim ersten Erscheinen des Neunundsiebzigjährigen
ein, als er erstmals nach achtunddreißig Jahren
am Pult des Berliner Philharmonischen Orchesters
erschien, um dieses außergewöhnliche Konzert, dieses
Benefizkonzert des Bundespräsidenten zugunsten von
Kinderheimen in Rumänien, zu leiten. Auf eine Bitte
Richard von Weizsäckers hatte sich Sergiu Celibidache
erst bereit erklärt, nach bald vierzig Jahren sein
altes Orchester wieder zu dirigieren, das er eigentlich
aufgrund unglückseliger Konstellationen nach seiner
Chefdirigentenzeit in den Jahren 1945 bis 1952 nicht
wieder leiten wollte. Und nun ereignet sich doch
der von niemandem mehr für möglich gehaltene große
Augenblick der Wiederbegegnung! Der Bundespräsident
hatte ihn zuvor aufs herzlichste begrüßt und daran
erinnert, das Sergiu Celibidache beinahe ein echter
Berliner sei und schon lange vor Kennedy einmal
gesagt habe: "Ich bin kein Deutscher, aber
ein Berliner."
Vermutlich lag über
kaum einem Konzert eine solch hohe Erwartung, eine
solch hohe Spannung und Vorfreude. Die Spannung
war immens, und sie entlud sich in frenetischem
Jubel nach der "Siebenten" von Bruckner,
der Celibidache, nun auch vor den Philharmonikern
wie ein Patriarch stehend, gebieterisch und glückstrahlend
zugleich, eine von epischer Weite, Tiefe und Wucht
getragene Interpretation zuteil werden ließ. Sicherlich
wird niemand behaupten wollen, daß "Celi"
und die Philharmoniker (nur sechs waren überhaupt
noch vom alten Stamm dabei!) so ohne weiteres wieder
dort begonnen haben, wo sie sich vor bald vierzig
Jahren auf schmerzliche Weise getrennt haben. Denn
es hat auch künstlerisch auf beiden Seiten keinen
Stillstand gegeben, aber die letztlich alles in
Bewegung haltende Musik macht eben nicht nur einen
versöhnlichen Brückenschlag möglich, sie überbrückt
auch die lange Zeit des nicht Miteinandermusizierens,
so daß man schließlich doch meinte, es habe gar
keine Unterbrechung in den Beziehungen gegeben.
Das plötzlich Wiederzueinanderfinden war beeindruckend,
beflügelte alle und riß schließlich auch die Hörer
unmittelbar in den weitgestaffelten interpretatorischen
Prozeß hinein, so daß es ein Höchstmaß an frohstimmendem
Einverständnis, an tief berührendem Miterleben gab.
Bei aller äußerlichen
Ruhe, aller erhabenen Gestik und empfindsamen Klangregie
verströmt Celibidache nach wie vor einen feurigen
Atem, ein großartiges, bisweilen fast stilles und
wohl gerade deshalb so gewaltiges Gestaltungsvermögen,
eine starke denkerische Aktivität und betont philosophische
Werksicht, die viel Zeit in Anspruch nimmt, etwa
bei diesem Bruckner - sage und schreibe zwanzig
Minuten mehr, als üblicherweise gewohnt ist. Aber
das Werk wird dadurch nicht länger, sondern reicher
und spannender! Wie spannungsvoll leise beginnt
der erste Satz, gleichsam aus den Urtiefen der Musik
aufsteigend und sich schließlich zu grandioser,
nachgerade raumsprengender Klangarchitektur wölbend.
Ein mystisch-verschleierter, weltferner Bruckner
war das freilich ganz und gar nicht! Vieles blätterte
Celibidache fast heiter, geistvoll vergnüglich auf,
wobei freilich selbst nach sechs Proben der schwerelos
leichte, fast südländisch belkantistische Ton, den
Celibidache nach immerhin dreizehnjährigem Training
mit den Münchner Philharmonikern bei Bruckner erzielt
(wie die "Achte" im Schauspielhaus bewies),
den Berlinern am ersten Abend noch nicht restlos
gelingen wollte. Da fesselte vor allem die kraftvolle
scharfkonturierte Klangschönheit, die orgelnde Intensität,
der kolossale Sound.
Dessen ungeachtet
ging Celibidache auch an diesem unvergeßlichen Abend
mit der ruhigen Souveränität und uneingeschränkten
Fähigkeit der großen Dirigentenpersönlichkeiten
zu Werke, die eine solch populäre Sinfonie wie die
siebente in E-Dur von Anton Bruckner so sehr von
Grund auf neu zu durchdenken, neu zu durchleben
und zu durchleuchten wissen, daß man glaubt, sie
erklinge zum ersten Male. Da wirkt dieser Bruckner
wie ein überraschend modernes Wunderwerk, in dem
alles mit letzter, logischer Konsequenz und strukturerhellender
Klarheit ausgebreitet, zusammengefügt und die Steigerungen
und Überhöhungen mit furtwängerlischer Spannung
aufgeladen werden. Und auch das in Erwartung des
Todes von Richard Wagner geschriebene Adagio gewann
eine ergreifende Größe und abgeklärte, poetische
Schönheit, die nicht minder daran erinnerte, wie
zu Furtwänglers Zeiten, zu denen eben Celibidache
in Berlin war, musiziert wurde. Diese Tradition
droht im Konzertalltag, der von geschäftigen Aufnahme-
und Reiseterminen bestimmt wird, immer mehr unterzugehen.
Celibidache ließ sie wieder anklingen. Und dafür
haben ihm nicht zuletzt die älteren Berliner zugejubelt.
Mindestens einmal im Jahr müßte er mit dem Philharmonikern
musizieren. Wir wüßten's zu schätzen.
Eckart Schwinger

Gelassen
und triumphal Celibidaches
Rückkehr zu den Berliner Philharmonikern
Gemächlich schob
sich der Dirigent in den Vordergrund, noch während
der Bundespräsident eine Ansprache an die Gäste
seines Benefizkonzertes zugunsten rumänischer Kindergärten
im Berliner Schauspielhaus richtete. Was noch zur
750-Jahr-Feier Berlins von den Berliner Philharmonikern
kategorisch abgelehnt worden war, wurde durch die
Diplomatie des Bonner Präsidialbüros und den Hauptstadt-Sog
möglich: Nach fast vier Jahrzehnten kehrte Sergiu
Celibidache an das Dirigentenpult des Renommier-Orchesters
zurück.
Das Publikum begrüßte
es. Empfing den Münchener GeneraImusikdirektor mit
besonders herzlichem Beifall, der sich nach getaner
Arbeit zur stürmischen Ovation für die einzelnen
Gruppen des Orchesters, den Maestro, das Ganze steigerte.
Richard von Weizsäcker hatte die Stimmung angekurbelt,
als er den "großen und weisen Dirigenten"
ankündigte, der schon in seiner Studienzeit ein
Berliner geworden sei, von 1945 bis zur Rückkehr
Wilhelm Furtwänglers viel zum Wiederaufbau des Orchesters
beigetragen habe. Umringt von den Philharmonikern
habe er das Gefühl, meinte der Bundespräsident,
im Zentrum der Welt zu sein".
Zum letzten Mal hatte
Celibidache einen Tag vor Furtwänglers Tod am Nervenpunkt
der Berliner Philharmoniker gestanden. Die waren
der grüblerischen, metaphysisch inspirierten Interpretationen
überdrüssig und setzten - mit Karajan - auf Technokratie.
Eine Kapelle wie die, vor der Celibidache nun wieder
seine Zeichen in Luft und Boden schrieb, kommt ohne
Routine gewiß nicht aus; doch sechs lange Proben
dienten jetzt dazu, daß sich der 79jährige Meister
und die streichenden bzw. blasenden Großverdiener
akkomodieren konnten.
Ein triumphales Comeback
mit Bruckners E-Dur-Symphonie. Die Blöcke des thematischen
Materials und seiner Fortspinnungen formten sich
unter Celibidaches Händen behutsam, zeigten dann
in großer Spannung und mit jäher Kraft ihre schärferen
Konturen. Die VII. Symphonie bedeutete einst den
"Durchbruch" Anton Bruckners auf dem internationalen
Markt. Nicht nur von ihren Dimensionen her war sie
eine "Pièce de résistance": der flott
servierte Hauptgang in einem insgesamt schleppend
daherkommenden Lebenswerk. Celibidache versteht
noch immer, die bunten Farben der weithin narrativ
wirkenden Bruckner-Musik freisetzen zu lassen: das
Grelle des massierten Blechapparats, die folkloristisch
angehauchten Violinmelodien den zarten Kitsch der
Holzbläser. Das Anti-Rationalistische an Bruckners
sinfonischen Konglomoraten irritierte manchen Zeitgenossen;
aus ihm kommt der Ton, der bis heute die tieferen
Zonen der Menschen anspricht.
Auf die aber zielt
auch Celibidaches Bedächtigkeit. Das "Sehr
feierlich und sehr langsam" trieb Celibidache
bis zu jener Grenze, mit der es nicht mehr feierlich,
sondern nur noch schleppend wirkt - doch die Gratwanderung
gelang als ein versuchtes Äußerstes. Allein für
die beiden ersten Sätze der Symphonie nahm der Maestro
sich und uns eine volle Stunde. Ob die Inbrunst
aus dem Glauben kommt, mag dahingestellt bleiben
- doch inbrünstig gelang so manche Episode. Die
Gelassenheit des Gesamtverlaufs ließ auch die Zuhörer
ruhiger atmen. Und manchem mag gewesen sein, als
werde da mit über hundert Zungen eine alte Geschichte
erzählt, deren Sinn dunkel bleibt, deren Sprache
aber in Bann zieht: wie eine kostbare Antiquität
aus "einer dem Untergang geweihten Welt"
(Max Kalbeck). Beim Adagio konnte einen der Wunsch
beschleichen, daß es nie ende und man nicht wieder
zurück in den Alltag entlassen werde.
Mit dem Rumänien-Benefiz-Konzert
ist Berlin aus seiner geographischen und politischen
Randlage ein Stückchen weiter der Mitte zugerückt.
Aber zum "Zentrum der Welt", wie so töricht
gesagt wurde; ist es noch weit. Fraglich zudem,
ob es überhaupt noch einen Mittelpunkt der Erde
geben soll. Der, bekanntlich, ist zu heiß Die Menschheit,
die sorgenvoll oder leichtlebig die Oberfläche bevölkert,
ist derzeit wohl für die gelassenen und dann doch
wieder majestätischen Musikbotschaften besonders
empfänglich; zumal wenn sie aus dem magischen Kreis
Celibidaches herrühren. Und wenn sie dazu noch einem
guten Zweck dienen.
Frieder Reininghaus

Triumphale
Rückkehr eines Verwandelten Sergiu
Celibidache dirigiert nach 38 Jahren wieder die
Berliner Philharmoniker
Dem Bundespräsidenten
ist es zu verdanken, daß Münchens Generalmusikdirektor
Sergiu Celibidache nach fast vier Jahrzehnten erstmals
wieder ans Pult der Berliner Philharmoniker trat
- jenes Orchesters, das er nach Kriegsende mehr
als vierhundertmal dirigierte und von dem er 1954
in Verbitterung schied. Weizsäcker hatte ihn zu
zwei Benefizkonzerten ins Berliner Schauspielhaus
gebeten. Politische und musikalische Prominenz aus
ganz Deutschland sowie viele alte Berliner Anhänger
feierten den fast 80jährigen mit Standing ovations
wie einen Spätheimkehrer - doch es war die Rückkehr
eines Verwandelten in seine einstige musikalische
Heimat.
Es war, statistisch
gesehen der 415. Auftritt am Pult der "Berliner".
Sieben schwere Nachkriegsjahre lang waren sie sein
Orchester gewesen, das er, damals ein junger genialischer
Feuerkopf, zusammengehalten und durch unvergeßliche
Aufführungen inspiriert hatte, bis es der alte Chef
Wilhelm Furtwängler wieder übernahm.
Während der sechs
Proben zu Bruckners 7. Symphonie fiel der Name Furtwängler,
so berichten die Musiker, viele Male. Aus dessen
und Celibidaches Tagen spielen heute noch drei im
Orchester mit. Dazwischen liegen mehr als drei Jahrzehnte
der triumphalen Ära Karajan der vom Orchester 1954
einstimmig zu Furtwänglers Nachfolger gekürt wurde:
eine bittere Enttäuschung, die Celibidache - damals
mit den Philharmonikern schrecklich zerstritten
- so enttäuschte, daß bis zum nächsten Auftritt,
dem am Dienstag, 38 Jahre verstreichen mußten.
Bonmots von gestern
Diese lange Periode
selbstgewählter Abstinenz war nun vorbei und ein
bißchen verdrängt: vergessen die vielen maliziösen
Ausfälle des rumänischen Maestro über sein Orchester
schon im Jahre 1950, so daß ihn damals Furtwängler
um Mäßigung bitten mußte; vergessen die schnöde
Art, mit der wiederum beim hundertsten Orchesterjubiläum
die Celibidache-Periode so gut wie totgeschwiegen
wurde; vergessen die vielen Vorwürfe, Furtwängler
hätte über ihn ständig schlecht gesprochen und gegen
ihn intrigiert; vergessen schließlich auch die spöttische
Charakterisierung des Karajan-Orchesters, dies sei
ja nichts als ein Ensemble für Kontrabässe und Begleitung.
Was gilt ein Bonmot von gestern? Im Berliner Schauspielhaus
setzte der Gast aus München das Orchester erst einmal
völlig um, verstärkte es auf zwölf Celli und zehn
Bässe und zog sie ganz nach vorn an die Rampe; er
ließ die Blechbläser die Seiten tauschen und verbrachte
viele halbe Stunden mit der Beschwörung der eigenen
philharmonischen Vergangenheit. Doch dieses war
ein Erinnerungsausflug ins musikalische Vorgestern;
denn das Orchester, das er nun, da er es plötzlich
selbst leitete, über den grünen Klee lobte, ist
das von ihm einst so geschmähte Karajan-Orchester,
in dem man sich derzeit nicht ohne Mühen mit Claudio
Abbados neuem Arbeitsstil anfreundet.
Die Berliner Philharmoniker
sind ein besonders selbstkritisches Orchester, sie
spüren genau ihre Meriten und die Grenzen ihrer
Konzerte, aber auch hier gelang es Celibidache,
die Musiker in ihrer Meinung über seine Arbeitsweise
zu polarisieren: "Was wir hier mit Celi jetzt
erleben, dagegen ist unsere Aufnahme neuerlich unter
Barenboim doch kalter Kaffee", formuliert ein
erfahrener Bläser. Ein prominenter Streicher hält
dagegen: Der alte Herr hat offenbar überhaupt kein
Gefühl mehr dafür, wie er seine eigene Vorstellung
in diesem wahnwitzig langsamen Tempo überhaupt noch
verwirklichen kann."
Natürlich hat der
mit vielen publizistischen Vorschußlorbeeren bedachte
Maestro sogar die ausgefuchsten Berliner Philharmoniker
beeindruckt, und sie fanden sich mit seinem ehern-zurückhaltenden
Altersstil durchaus zurecht. Über seine Bruckner-Interpretationen
Münchner Musikfreunden Neues berichten zu wollen,
mag sich fast erübrigen. Ähnlich wie bei Bruckners
Fünfter bei der Gasteig Eröffnung oder der Fünften
von Schostakowitsch etwa entsteht bei Celibidache
ein völlig anders Musikstück. Am Dienstagabend durchmaß
er die Partitur in genau 87 Minuten (Pausen zwischen
den Sätzen nicht gerechnet), länger als jeder andere
alte ehrwürdige, von Celibidache verachtete Kollege.
Sein vielbeschworenes Idol Furtwängler, der ja auch
kein Langweiler war, hat zwei Platteneinspielungen
hinterlassen, die zu den geschwindesten des langen
brucknerschen Werkes gehören: nämliche beide Male
exakt 62(!) Minuten lang. Nun, Musik vollzieht sich
in der Zeit, und man kann über die verschiedenen
Tempi durchaus streiten; bei 25 Minuten Unterschied
innerhalb einer Symphonie freilich nur noch staunen.
Philharmoniker aus
Berlin bezeugten mehrfach, die Generalprobe, nicht
gar so lähmend, wäre wirklich beeindruckend gewesen,
doch in der Aufführung hätte - vor allem in den
ersten beiden Sätzen, die in einer vollen Stunde
vorüberkrochen - die Spannung einfach nicht mehr
gehalten. Wie recht sie hatten.
Sergiu Celibidache
hat für seine Darbietungen von solchen extremen
Alternativen bekanntlich ganze philosophische Argumentationsgebäude
errichtet, aus denen die meisten Unwissenden verbannt
bleiben. Doch auch Anton Bruckner blieb an diesem
Abend mit seiner Musik bisweilen auf der Strecke:
Das einleitende Allegro schleppte sich von Halbtakt
zu Halbtakt; Steigerungen wurde ein so langer Anlauf
zuteil, daß sich Spannungen bis zur Langweile neutralisierten;
im Adagio erwuchs beispielsweise einer arabesken
Begleitfigur plötzlich so viel Eigengewicht zu,
daß der Bläsersatz zur Bedeutungslosigkeit verkümmerte.
Die Bläser, übrigens nicht ohne Itonationsprobleme,
bewiesen leuchtende Kraft, und die Streicher legten
sich ins Zeug, solange die Bogenlänge reichte; das
Engagement war allenthalben zu spüren, Scherzo und
Finale, vom Orchester leicht, aber spürbar vorangetrieben,
blieben, zumal bei der dröhnenden Schauspielhaus
Akustik, an Wirkung nichts schuldig.
Wie gesagt, Ovationen,
zu denen der Bundespräsident zu Konzertbeginn auch
noch hilfswillig animiert hatte. Aber der "Celi",
den die Berliner nach dem Krieg jahrelang erlebt
hatten, war es nie und nimmermehr. Der brillante
Feuerkopf
ließ seinen eisern
lähmenden Willen über Bruckners Musik hinabsinken.
Und so oft in diesen Tagen der Name Furtwängler
als der eines künstlerischen Ahnherrn beschworen
wurde, war dies lästerlich: Niemals in seinem langen
Dirigentenleben hat dieser geniale Mann Bruckners
Symphonien gewissermaßen im Rollstuhl vorgeführt.
Celibidaches Bewunderer haben längst aufgehört zu
fragen, warum er dies oder das tut, sondern verbannen
jeglichen Zweifel daran, nur weil er es tut. Die
Freude, den Gast aus München wiederzusehen, überstrahlte
den Eindruck: ein Fremder war heimgekommen nach
Berlin.
Albrecht Roeseler

Ein
Eidbruch wird zum Ereignis Sergiu
Celibidache und die Berliner Philharmoniker
Ein "wirkliches
Fest", so Bundespräsident Richard von Weizsäcker
in seiner an den "verehrten Meister" adressierten
Einladung, könnte es werden, wenn dieser sich nach
achtunddreißig Jahren entschlösse, endlich wieder
einmal den Taktstock vor dem Berliner Philharmonischen
Orchester zu heben: "ein Fest für mich, für
das Orchester, für Berlin und die ganze musikalische
Welt". Sergiu Celibidache mochte die Bitte
einer so hochrangigen Persönlichkeit, wie der Bundespräsident
nun einmal eine ist, nicht abschlagen; und so begann
alsbald, wenn nicht die ganze Welt, so doch das
ganze musikalische Berlin einem "Benefizkonzert
des Bundespräsidenten zugunsten von Kinderheimen
in Rumänien" entgegenzubangen, und damit einer
Veranstaltung, die das zu werden versprach, was
im banalen Sprachgebrauch gern als "ereignishaft"
bezeichnet wird.
Das Ereignishafte
wurde jedoch in der Tat zum Ereignis, und zwar im
Berliner Schauspielhaus. Zunächst trat der Bundespräsident
ans Dirigentenpult und überraschte das Publikum
mit der launigen Bemerkung, daß er nicht den Taktstock,
sondern das Wort ergreifen werde. Er erinnerte die
älteren Zuhörer an die Zeit, da der junge Celibidache
Mitte 1945 sozusagen aus dem Stand die Leitung des
Berliner Philharmonischen Orchesters übernahm und
als Statthalter des mit Entnazifizierungsproblemen
befaßten Wilhelm Furtwängler dem durch den Krieg
dezimierten und nur langsam sich regenerierenden
Berliner Philharmonischen Orchester in verblüffend
kurzer Zeit den alten Rang antrainierte. Als Furtwängler
nach seiner Entnazifizierung im Jahre 1952 seine
Chefdirigentenposition wieder übernehmen durfte,
übernahm er das international respektierte Eliteorchester,
das die Berliner Philharmoniker noch in den ersten
Kriegsjahren gewesen waren. "Celi", der
feuerköpfige Perfektionist, der seine geistige Heimat
im Zen-Buddhismus gefunden hatte, war unterdessen
zur Kultfigur vor allem der jüngeren Musikfreunde
avanciert.
Um so größer seine
Enttäuschung und die seiner Anhänger, als die philharmonischen
Musiker nach Furtwänglers Tod im Jahre 1954 nicht
ihn, sondern Herbert von Karajan zu ihrem neuen
Chefdirigenten wählten: Die Unerbittlichkeit seiner
Probenarbeit hatte ihm Gegner vor allem unter den
privilegierten Orchestervorständen und den älteren
Orchestermitgliedern geschaffen. Unter der Leitung
des medienbewußten Karajan versprachen sie sich
einen einträglicheren Umgang mit den Vermarktungsstrategen
in den Rundfunkanstalten und Schallplattenkonzernen,
als in der Musikskeptiker Celibidache hätte gewährleisten
können. Daß ihre Rechnung über alles Erwarten gut
aufging, wenn auch auf Kosten Celibidaches, hat
sich unterdessen herumgesprochen. Celibidache beantwortete
die Brüskierung mit einem Schwur: Nie wieder, ließ
er die Musikwelt wissen, werde er das Berliner Philharmonische
Orchester dirigieren. Das Orchester kassierte Tantiemen
und bemühte sich, die lästige Sache zu vergessen.
Celibidache aber
blieb die Kultfigur, die er in Berlin geworden war.
Er blieb sie als Chefdirigent des Schwedischen Rundfunk-Symphonie-Orchesters,
er blieb sie als Chefdirigent des Süddeutschen Rundfunks
und er blieb sie auch in München, wo er seit 1979
als Chefdirigent der dortigen Philharmoniker residiert.
Daß er auch in Berlin nichts von. seinem Nimbus
eingebüßt hat, zeigte sich, als er nach einem Shakehands
mit dem Bundespräsidenten ans Pult des Orchesters
trat, das ihm, einst mehr zu verdanken hatte, als
es in der finanziell überaus einträglichen Ära Karajan
wahrhaben wollte. Als er im Schauspielhaus nach
einer wunderbar ausgehörten, Maßstäbe neu setzenden
Wiedergabe von Bruckners siebter Symphonie langsam
den Taktstock sinken ließ, feierte ihn das ganze
Publikum, die Weizsäckers inbegriffen, mit standing
ovations.
Die aber waren verdient,
denn Celibidaches Eidbruch hatte sich ausgezahlt
- für ihn, für die Musiker, die er in sechs Intensivproben
zu ihren besten Möglichkeiten inspiriert hatte,
und für Bruckner, dessen Siebte man in Berlin seit
Jahrzehnten nicht mehr ähnlich souverän und gelassen
disponiert und in einer ähnlich subtilen Ausgestaltung
der Details gehört hat. Der Wortbruch wurde immer
wieder in dem ins Mystische changierenden Klang
des Orchesters illuminiert. Vor allem bei der Wiedergabe
des Adagios und der Durchführung in den Ecksätzen
musizierten Celibidache und das Orchester, das für
einige Tage wieder "sein" Orchester geworden
an den Grenzen jenes Bereichs, in dem das Intendierte,
Beabsichtigte und Gewollte sozusagen in einem "Seienden"
aufgeht. Nach eineinhalb musikalisch erfüllten Stunden
applaudierten alle allen - der Dirigent dem Orchester,
das Orchester dem Dirigenten und das enthusiasmierte
Publikum allen beiden.
Die Versöhnung zwischen
dem fast achtzigjährigen Dirigenten und den Berliner
Philharmonikern hätte sich schwerlich kompetenter
und bewegender inszenieren lassen.
Hellmut Kotschenreuther
- Stuttgarter
Zeitung

Der
triumphierende Heimkehrer Sergiu
Celibidache dirigiert das Berliner Philharmonische
Orchester
Wo soviel Rührung
der Kunst begegnet wie in diesem Konzert und, ins
Weite gesehen, solche geschichtlich singuläre Dimension,
da ist Außermusikalisches von der tatsächlich erklingenden
Musik nur schwer zu trennen: Sergiu Celibidache
dirigiert nach über 37 Jahren zum ersten Mal wieder
das Berliner Philharmonische Orchester.
Die Herzenssache,
die der Zuhörer, der beteiligte Musiker auf dem
Podium aus dem Ereignis machen, hat wiederum mit
dem Gelingen selbst unmittelbar zu tun. Die Situation
im seit Wochen ausverkauften Schauspielhaus klärt
sich von Beginn an dahin, daß das musikalisch Außerordentliche
gespannte Anteilnahme und Resonanz findet. Veranstaltet
wird der Abend mit der siebenten Symphonie von Anton
Bruckner, die bei Celibidache eine Dauer von eineinhalb
Stunden erzielt, als "Benefizkonzert des Bundespräsidenten
zugunsten von Kinderheimen in Rumänien". Dirigent
und Orchester haben sich ohne Entgelt zur Verfügung
gestellt, ebenso die Konzertdirektion Hans Adler,
die den Kartenvertrieb (Höchstpreis 180 DM) besorgt
hat. 410 000 DM kamen so und durch Spenden zusammen.
Richard von Weizsäcker
steht an der Spitze der Überredungskünstler, denen
gelungen ist, was Jahrzehnte als unmöglich galt:
Celibidache zum Pult der Berliner Philharmoniker
zurückzuholen. In einem improvisierten herzlichen
Willkommensgruß weist er darauf hin, daß dies Orchester
einmal Celibidaches Orchester gewesen sei, "in
dessen Mitte er gelebt hat". Dann brandet der
Applaus, weil der Maestro das Podium betritt.
Ältere Konzertgänger
erinnern sich und jüngere kennen die Legende, daß
der rumänische Student der Berliner Musikhochschule,
1946 nach dem Tod Leo Borchards von den Philharmonikern
zu ihrem Leiter gewählt, das Orchester Nikischs
und Furtwänglers zwar als ein Anfänger, aber wie
ein Vollendeter betreute. Beethoven, Schubert, Mendelssohn,
Tschaikowsky, Bartók, Strawinsky, zumal die französischen
Impressionisten glänzten unter der jungen Podiumsmajestät.
Manch einer, der dabei war, fand seine Eindrücke
später nicht mehr überboten. Gerühmt wird schon
in den frühen Jahren der Klangsinn Celibidaches,
das Leuchten und Funkeln seiner Orchesterpalette.
1952 hatte Celibidache
für den Chefdirigenten Wilhelm Furtwängler, während
dessen Entnazifizierungsfrist er am philharmonischen
Pult als Statthalter fungierte, das Amt wieder freigemacht
- einer späteren Äußerung zufolge in dem gewachsenen
Stolz, ihm zu sagen "Herr Doktor, hier ist
Ihr Orchester". Celibidache stimmte vorher
schon mit den Musikern darin überein, Furtwängler
so schnell wie möglich zurückzugewinnen. Es gab
nach 1947 eine Zeit, in der die beiden Dirigenten
mit den wichtigsten Aufgaben alternierten, so auch
auf einer England - Tournee 1948. Die Beziehung
zwischen ihnen erkaltete. Celibidaches undiplomatisches
Temperament machte ihm Feinde. Nach Furtwänglers
Tod 1954 wählte das Orchester Herbert von Karajan
zu seinem Nachfolger, der 1955 vor der Öffentlichkeit
"mit tausend Freuden" annahm.
Die begreifliche
Verbitterung Celibidaches und daß er die Berliner
Philharmoniker fortan mied, vielleicht nicht ohne
geheimes Interesse an ihrem Werdegang, kann nicht
auslöschen, daß die Musikgeschichte der Stadt eine
Epoche Celibidache zu verzeichnen hat. Sie umspannt
die Zeit zwischen den Eckpunkten des ersten Konzerts
im August 1945 und des letzten am 29./30. November
1954. Celibidache führte damals im Saal der Musikhochschule
mit den Philharmonikern Werke seines Lehrers Heinz
Tiessen, Béla Bartóks und einen Ravel auf, der als
ein "wahres Hexenkunststück an Klangspielerei"
empfunden wurde.
Der Schwierige und
Unzeitgemäße, der um der Musik willen in seinen
Probenforderungen Verstiegene, der Bescheidene in
Anbetracht der Wahl seiner musikalischen Partner,
etwa des schwedischen Symphonieorchesters Stockholm,
dessen Leitung er Anfang der sechziger Jahre übernahm,
der Verächter der Tonträgervermarktung und Apologet
einer lebendigen Musik hat ein mehr als geneigtes
Publikum am Ort seines frühen Ruhms immer behalten.
Wenn er mit den auswärtigen Orchestern kam, meist
als Festwochengast, war es zur Stelle. Seit 1979
ist Celibidache Generalmusikdirektor der Stadt München,
und die Münchner Philharmoniker wissen ihrem Chef
Dank für einen erstaunlichen Aufstieg. Es ergab
sich die Ära eines Spitzenorchesters ohne Schallplattenexistenz,
mit Schwarzpressungen natürlich. Jüngst läßt der
Maestro Live-Mitschnitte auf Video-CD zu, er hat
somit ein beachtliches Stück technischen Zeitalters
übersprungen.
Im Berliner Philharmonischen
Orchester heute sind noch sieben Musiker aktiv,
die Celibidaches künstlerische Jugendreife in der
eigenen Jugendzeit musizierend miterlebt haben.
Nicht alle sitzen auf dem Podium bei diesem Doppelkonzert
an zwei Abenden. Einige aber, darunter Rainer Zepperitz,
dem der strenge Maestro sogar eine der ausnahmsweise
und ihm zuliebe gewährten sechs Proben für ein nicht
unvertrautes Werk erlassen hat, haben den menschlichen
Kontakt nie abreißen lassen. Dienstfreie Philharmoniker
und solche im Ruhestand finden sich neben anderen
Berliner Musikern zur Generalprobe ein; Celibidache
äußert sich bewegt über die Wiederbegegnungen und
die Arbeitsbereitschaft des Orchesters im Sinn seiner
Intentionen, eine Ansprache des Dankes. Es hat eine
Annäherung mit Gesprächen über den Tag hinaus stattgefunden.
Hellmut Stern vom
Orchestervorstand zeigt sich von einer Begeisterung
erfüllt, die zu differenzieren weiß. Seit er Celibidache
in Israel 1953 kennengelernt hat, mit einem französischen
Programm, ist ihm dieser Zauberklang unvergeßlich
geblieben: "Das hat richtig geduftet".
Ebenso setze für ihn der nun erworbene Bruckner
Klang Maßstäbe. Einhellig wird gesagt, daß die Aufmerksamkeit
des Orchesters während der Proben - "mucksmäuschenstill"
- unübertrefflich gewesen sei. Offenbar hat der
79jährige Dirigent gerade auch die Jüngeren in Bann
geschlagen. Für den Konzertmeister Daniel Stabrawa,
dessen Engagement in dieser Sache allein schon optisch
eine Freude ist, gilt "selbstverständlich"
der Wunsch, erneut mit Celibidache zusammenzukommen,
weil die Arbeit mit ihm für einen Musiker nur Gewinn
bringen könne. So die Stimmung der Generalprobe,
eine denkwürdige Mischung aus Spannung und Gelöstheit.
Die Philharmoniker überreichen dem Dirigenten als
Geschenk eine Beethoven Partitur.
Sergiu Celibidaches
Bruckner, ein Hauptgebiet seines Musikerdaseins,
das er sich nach der Berliner Zeit zum geistigen
Besitz gemacht hat, ist dennoch wegen der Gastspiele
aus München für Berlin nicht neu. Der Bereich des
absolut Musikalischen wird nie verlassen. Die subjektive
Neigung zum Verweilen, die langsamen Tempi bewirken,
daß ein Pianissimo der Streicher und des Fagotts,
folgend auf ein Piano, werktreu - das strittige
Wort erhält neuen Wert - zur Sensation wird. Das
naturleichte Vibrato, ein gemeinsam immaterielles
Tremolo tendieren zur Schwerelosigkeit.
Dennoch lehrt Celibidaches
Interpretation der Siebenten die unterschiedlichen
Arten, ein Tremolo zu spielen. Bei den Steigerungen
zum Fortissimo dominieren die auskomponierten Register,
nirgends Nervosität des Anheizens. Zur Erfahrung
wird, daß Schlichtheit dem Erhabenen näher ist als
ein polierter Sound. Sehr selten sind bei dieser
musikalischen Neubegegnung kleine Unebenheiten.
Der Klagegesang der Tuben "zum Andenken an
den Hochseligen, heiß geliebten unsterblichen Meister"
Richard Wagner hat als Coda des Adagios nach dem
sehr untheatralischen Beckenschlag vertiefende Aura.
Scheinbar kunstlos brilliert eine Kunst des Zurücknehmens.
Die Cellogruppe ist mit aller Augen auf den Dirigenten
gerichtet, wenn sie ihre Melodieführung in seinem
Sinn wahrnimmt.
Da die Berliner Philharmoniker
diesen Bruckner-Klang, in dem die Dynamik Primärkategorie
ist, mit großem Einsatz verwirklicht haben, lenkt
der Dirigent Sonderbeifall auf alle Orchestersolisten,
darunter als Gast der Oboist Günther Passin, und
auf die einzelnen Streicher- und Bläsergruppen nach
und nach. Das Orchester applaudiert seinem Heimkehrer,
der noch lange allein umjubelt wird.
Gestern bestätigte
Intendant Ulrich Meyer-Schoellkopf, wie sehr "alle"
erhofften, daß Sergiu Celibidache wiederkäme zu
Konzerten mit dem Berliner Philharmonischen Orchester.
Sybill Mahlke

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