|
Sergiu
Celibidache zur Aufführung des Scherzos der 9.
Symphonie
Beethoven
hat von seinen großen Vorfahren Haydn und Mozart
die unfehlbare Meisterschaft, durch sprachliche
Bezeichnung die spezifische Charakteristik einer
Klangbewegung so trefflich wiederzugeben, nicht
geerbt und von seinen Vorbildern wenig übernommen.
Die unsagbare Grazie, die in Form einer großzügigen
Empfehlung den Ausleger führt und begleitet und
unveränderlich zu dem Erlebnis des „Nicht anders
Könnens“ führt, war ihm zumindest fremd. Eine gewisse
Instabilität (er hat seine Tempobezeichnungen oft
geändert), ein Mangel an realistischer Vorstellung
der dynamisch-kinetischen Relationen, die erst nach
der Feuerprobe der ersten Aufführung sich materialisierten,
Anweisungen, die die Grenze der Ausführbarkeit überschreiten
(Finale der 8. Symphonie), eine nicht selten wiederkehrende
Unentschlossenheit bei der Übersetzung der Polyvalenz
der Sprache in die Einmaligkeit der musikalischen
Entsprechung, all dies sind Hindernisse für die
eindeutige Auslegung seiner musikalischen Ideenwelt.
Nicht
alles aber, was er im Sturm seiner großen Impulsivität
notiert hat, ist undeutlich oder nicht aufschlussreich;
er wusste womöglich schon längst von der Relativität
der Korrespondenz zwischen musikalischem Sinn und
Sprache, sonst hätte er nicht das Metronom zur Hilfe
genommen. Es gibt also Sätze, Eingebungen, Situationen,
die eindeutig und in der Realisation seiner Absichten
vollkommen notiert sind. Einer von diesen Glücksfällen
ist das Scherzo seiner 9. Symphonie.
Es
ist eine böse, tragische Ironie des Schicksals,
daß gerade dieses Beispiel an absolut gehörten und
unzweideutig festgelegten Bezeichnungen von seinen
sogenannten Interpreten nicht verwirklicht, sondern
im Gegenteil durch eine sinnlose Nacheinanderreihung
von Teilen ersetzt und abserviert wurde, ein blamabler
Beweis ihrer Unfähigkeit, die Form als unantastbaren
Rahmen des musikalischen Geschehens zu erleben.
Beethoven
hat für sein Scherzo eine einfache A-B-A-Grundform
ausgedacht; nach einem Allegro vivace notier ten
A-Teil, den er mit der Metronombezeichnung: punktierte
halbe Note, also drei Viertel = 116 festlegt, folgt
ein B-Teil, den er mit der Bezeichnung Presto versieht,
ganze Note, also vier Viertel = 116. Nach diesem
in jeder Hinsicht (thematisch, harmonisch, symphonisch,
durch tempomäßigen Kontrast formbildend) neuen B-Teil
folgt die wortwörtliche Wiederholung des A-Teils.
Unter den neuen Charakteristiken des B-Teils ist
die Zunahme der Geschwindigkeit von schnell auf
schneller (Allegro vivace - Presto) der wesentliche
Aspekt des B-Teils. Damit aber alles im Rahmen einer
wahrnehmbaren Kontinuität bleibt, gibt er mit mathematischer
Sorgfalt die Metronomzahlen an, die eine zuverlässigere,
der menschlichen Schwäche nähere Modalität der direkten
Erfahrung der musikalischen Beziehungen zwischen
zwei Tempi gewährleisten. Und diese Metronomzahlen
sind für das Allegro vivace (drei Viertel) und für
das Presto (vier Viertel) die gleichen, d. h. 116.
Das Presto ist also - was für den Zusammenhang wesentlich
ist - um eine Viertelnote schneller. Dabei bleiben
die Pulsschläge, d. h. das, was der Ausführende
vermittelt, gleich. Die Opposition zwischen diesen
zwei Bewegungen, deren Qualität und Hauptrolle die
Schaffung des formtragenden Kontrastes ist, bleibt
maßgebend.
Statt
den Kontrast durch schnellere Tempobewegung zur
gezielten Auswirkung kommen zu lassen, wie es der
Komponist ein für allemal bestimmt hat, hat man
eine allgemein gültige, leicht fassbare Karikatur
des Mittelsatzes hinein genäht, die viel langsamer
geht und auf diese Weise charakter- und beziehungslos
zu dem anfänglichen A-Teil steht, den sie in der
Sphäre des äußerst schnellen Presto ergänzen sollte.
Mit diesem Andante buffo ma non troppo, welches
das Presto ersetzen soll, hat man diese arme 9.
Symphonie ohne weitere Verluste eineinhalb Jahrhunderte
lang bereichert.
Die
Theorie, daß Beethovens Metronom nicht gestimmt
habe (A. Schering), ist ohne jede Bedeutung; wesentlich
ist die Tatsache, daß neben einwandfrei notierter
Steigerung zum Schnellen hin die Metronomzahl, mit
der er die beiden korrespondierenden Bewegungen
definiert, identisch, auf intakten oder defekten
Metronomen die gleiche ist.
Daß
die Musikwissenschaftler diese simpelste, in solch
schwachsinniger Weise eingespielte Version durch
verschiedene undichte Vorschläge rechtfertigen wollten
(Beethoven habe halbe statt ganze Noten im Presto
gemeint; es gibt heute keine einzige Ausgabe, die
noch seine Originalbezeichnungen trägt) ist ein
lebendiges, in fließenden Harzermarmor gegossenes
Monument der reinsten Dummheit, welches einen redseligen
Epilog dieses stummen Dramas darstellt.
Es
kann sein, daß Musikliebhaber, die etwas zahlscheu
geboren sind und mit einer gewissen Sympathie den
klanglichen Unterschied zwischen den sprachlichen
Bezeichnungen Allegro vivace und Presto wahrnehmen,
diesen Unterschied ohne große semantische Anstrengung
im Sinne einer Steigerung verstehen: von schnell
(Allegro vivace) auf noch schneller (Presto). Dieser
Über gang von schnell auf noch schneller geschieht
innerhalb einer Periode von acht Takten. Der Ausleger
hat also acht Takte Zeit, um eine Viertelnote zu
gewinnen. Das ist das Beschleunigungsmaß des zwischen
Allegro vivace und Presto stehenden stringendo.
Kann es eine eindeutigere Form der Formulierung
der testamentarischen Absichten geben?
Die
endlose Reihe von Interpreten hat bis zu diesem
Punkt scheinbar alles verstanden - sogar zwei Takte
des Presto lassen sie noch gnädigst im gewollten
Zusammenhang also im Prestotempo spielen. Im dritten
Takt des verdammten Presto aber entdeckte eine damals
sicherlich starke Persönlichkeit, daß der Komponist
sich schrecklich geirrt haben musste, und um in
dieser Notsituation dem geliebten, in der Krise
steckenden Meister zu helfen, hat man mit denselben
Noten und demselben Tonsatz des Scherzo einen langsamen,
gemütlichen, idyllischen Promenadengang durch den
elysischen Garten der angenehmen Empfindungen komponiert
mit der Hoffnung, daß die Menschen, nachdem sie
Menschen sind, bald auch noch Brüder werden. Bei
diesen starken Persönlichkeiten, die mächtiger als
die Grundidee waren, handelte es sich durchaus um
gute Architekten, die stolz und zukunftssicher das
erste Haus mit dem Giebel im Keller bauen.
Wir
sind selig, in dieser Zukunft leben zu dürfen; und
daß dieses einmalige Modell sich ohne Probleme bis
heute behauptet hat, stärkt uns in unsrer Gewissheit,
daß alles so ist, wie es sein soll. Die Form A-B-A
mit dem viel langsameren B-Teil hat etwas Bombenfestes;
es kommt immer und überall phantastisch gut an.
Schade, daß diese populäre, bürgerliche, leicht
verdauliche Idee dem eigensinnigen Meister selbst
nicht eingefallen ist. Bei robusten Motoren ist
es möglich, daß Sie, nachdem Sie im dritten Gang
Gas gegeben haben, im ersten Gang landen. Dieser
nicht unbedingt musikalische Parallelfall kann sehr
gesunde Einsichten hervorbringen - schade nur, daß
der Klang keine Robustheit hat; er verschwindet,
bevor die Hand merkt, daß das Hirn nicht mehr in
der Lage ist, sich noch etwas zu merken.
Es
ist normal, daß Ihnen als geduldigen, lieben Freunden
dies alles entgangen ist; ein musikalisches Gebäude
ist nicht zum Wohnen da, und solange Ihr Sitzplatz
trocken bleibt, brauchen Sie nicht zu wissen, wo
das Dach ist.
Daß
die Fachpresse von der betäubenden Dynamik des Selbstgesprächs
so besessen ist, ist auch normal, und es wäre zumindest
unhöflich, sie auf Tatsachen aufmerksam zu machen,
die ihr Wohlwollen noch nicht weiter gereizt haben.
Ein
Kritiker, ein einziger, ein Österreicher hat am
Ende des letzten Jahrhunderts die Frage gestellt,
warum die Dirigenten nicht das machen, was da geschrieben
steht. (Aus demokratischen Gründen - er kommt in
keiner einzigen Statistik vor - nennen wir seinen
Namen nicht).
Wie
Frieden fördernd und gerecht das Fehlen eines Strafgesetzbuches
für musikalische Delikte sich auswirkt! Man kann
doch nicht alle, die an einem solchen Kulturmord
direkt oder ahnungslos beteiligt sind, bestrafen.
Das wäre unsozial.
Sozial
ist das, was für viele, so viele wie möglich, Gültigkeit
besitzt.
Mit
den anderen kann man weiter nichts anfangen.
Aus dem Programmheft
der Münchner Philharmoniker zum Konzert vom 15.März
1989

|