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Nortrud
Löw und Mathias Winkler im Gespräch mit dem Dirigenten
Konrad von Abel über die Bedeutung von Sergiu Celibidache
für seinen musikalischen Werdegang.
Wann und wie hat
Ihr musikalisches Interesse begonnen ?
Früh, mit 8 Jahren,
kam ich im Hymnus-Chor Stuttgart bei Professor Gerhard
Wilhelm mit einer ganz besonders intensiven Art
des Musizierens in Berührung.
Es war für mich besonders
schön und prägend, dass ich mit einem so lebendigen
Instrument wie dem Chor angefangen habe. Das Faszinierende
dabei ist der Zwang zum aktiven Hin- und Hineinhören,
man muss sich immer am Gehörten orientieren. Dabei
werden Kräfte wach und innere Perspektiven, wie
es richtig sein muss, ohne dass viel darüber gesprochen
wird.
Erst nach dem Beginn
meiner Arbeit im Chor kam dann bei mir das Klavier
hinzu. Aber ich wusste schon in jungen Jahren, dass
ich später Dirigent werden wollte.
Ich ging sehr früh
schon in Konzerte und in die Oper, die übrigens
damals in Stuttgart künstlerisch in ein sehr hohes
Niveau hatte.
Wie wurden Sie
auf Sergiu Celibidache aufmerksam ?
Zu meinem ersten
Kontakt mit Celibidache kam es in Bezug auf mein
bis dahin schon existierendes musikalisches Interesse
eigentlich erst zu einem relativ späten Zeitpunkt.
Das erste Konzert mit ihm habe ich im Januar 1976
besucht.
Sergiu Celibidache
wirkte zu dieser Zeit als ständiger Gastdirigent
beim Radiosymphonieorchesters Stuttgart. An diesen
Konzerten nahm sozusagen fast die ganze Stadt Anteil
- es war immer ein ganz besonderes Ereignis.
Bald fiel mir die
Diskrepanz auf zwischen Konzerten mit Celibidache
und anderen Aufführungen. Bewusst geworden ist mir
das besonders bei zwei Konzerten der 8.Symphonie
von Anton Bruckner innerhalb einer Woche: Celibidaches
Konzert war nicht einfach eine andere "Interpretation",
nein, da war das auf einmal eine andere Symphonie,
etwas grundsätzlich Anderes ! Es war eine ganze
Welt, die sich da geöffnet hat.
Sie gingen ja
damals schon sehr oft in Celibidaches Proben und
seinen Unterricht, wie konnten Sie das denn mit
Ihrem Schulbesuch vereinbaren ?
Damals war ich etwa
17 Jahre alt, ich ging von halb acht bis neun oder
halb zehn Uhr in die Schule, und danach machte ich
mich auf den Weg, die restliche Zeit im Rundfunksaal
zu verbringen. Die Proben dort gingen von neun bis
zwei Uhr, also fünf Stunden, und anschließend gab
es fast jeden Tag noch zwei bis zweieinhalb Stunden
Unterricht. Das war unglaublich intensiv.
Celibidache war damals
sehr viel in Stuttgart; drei bis vier Perioden zu
zwei mal zwei Wochen, d.h. er hat für ein Programm
zwei Wochen lang gearbeitet, dann zwei Konzerte
absolviert, und danach kam das nächste Programm.
Erzählen Sie etwas
von seinem Unterricht !
Da kam eine kleine
Gruppe von zehn bis zwölf Leuten zusammen, die meisten
regelmäßig und täglich. Ein Glücksfall für mich
war, dass er, als ich hinzugekommen bin, gerade
neu mit dem Unterrichtsstoff "Phänomenologie
der Musik" begann. Es gab dabei Unterrichtsstunden,
von denen die, die dabei waren heute noch mit Bewunderung
sprechen ! Denn alles war neu, noch nie gehört,
und dabei gleichzeitig packend und immer einsichtig.
Seine Art des Unterrichtens
kam aus einem tiefen, verinnerlichten Wissen, und
er sprach völlig frei und spontan, ohne irgendein
Manuskript. Dabei hatte er immer eine präzise Vorstellungen
von dem, was er vermitteln wollte. Zugleich praktizierte
er alles in einem ständigem lebendigen Austausch
mit uns. Und er hat dabei keinem die Möglichkeit
gegeben, nicht mitzukommen.
Das war eine unglaublich
intensive Zeit, die mich am meisten von allen geprägt
hat.
Was hat Celibidache
dabei für Sie selbst bedeutet ?
Es waren so viele
Aspekte, die er uns im Unterricht auseinandergesetzt
hat, die in mir eine Art Echo gefunden haben. Das
heißt, dass alles im Grunde schon in mir war, er
brauchte es nur anzutippen und ich konnte eine Verbindung
herstellen. Ich hatte schon bald das Werkzeug in
der Hand, das es mir erlaubte, unterscheiden zu
können. Früher war es für mich nur darum gegangen,
im Radio oder im Konzert alle die berühmten Stücke
zu hören, bald jedoch waren diese berühmten Stücke
in den Aufführungen der meisten anderen Dirigenten
oft gar nicht mehr so schön. Mit jeder Erfahrung
weiterer Konzerte wurde diese Einsicht weiter eingegraben.
Sie haben aber
auch an der Hochschule studiert. Kamen Sie dabei
durch deren andere Ausrichtung nicht in Konflikte ?
An der Hochschule
habe ich Theorie und Klavier studiert, Dirigieren
aber nur bei Celibidache. Das war etwas vollkommen
anderes als das, was an der Hochschule unterrichtet
wurde. Es geht beim Dirigieren um ganz konkrete
Dinge: Ich hatte dabei nie Zweifel, dass die praktische
Gestik, die er lehrte, die funktionellste ist. Man
denke z.B. an die Proportionen im Schlag. Dass es
die Möglichkeit gibt, im Schlag eine Analogie zu
finden zum Bogen der Musiker, zur Atemsäule. Das
bewirkt, dass ein Orchester sofort anderes klingt.
Das völlig neue für
uns daran war, dass dies nicht nur gelegentlich
instinktiv passierte, sondern dass, wenn es bewusst
geworden ist, eine Gesetzmäßigkeit daraus abgeleitet
und lehrend weitergegeben werden kann. Und das ist
noch immer etwas Neues für die meisten Dirigentenschüler,
wie ich bei meiner Arbeit mit jungen Studenten immer
wieder feststellen kann.
Sie sind ja dann
dem Weg Celibidaches gefolgt ...
Ja, was er lehrte
hat für mich schon früh eine solche Faszination
gewonnen, dass sich die Frage nie stellte, ob es
sinnvoll wäre, diesen Weg, im Gegensatz zu dem der
Hochschulen, fortzusetzen. Es war und ist mir immer
musikalische Richtlinie geblieben, da gab es nie
irgendwelche Zweifel. Indem ich mit Tönen umgehe,
kann ich gar nicht anders arbeiten als wie ich es
von ihm gelernt habe. Denn da ich die verschiedenen
Annäherungen an den Klang und die Beziehungen im
Klang immer wieder unter seiner Obhut praktizieren
konnte, wurde mir dies völlig selbstverständlich.
Zu dieser Arbeitsweise gibt es keine Alternative.
Und was ich von ihm
gelernt habe, gebe ich auch weiter. Ich versuche
dabei so intensiv zu unterrichten, wie es mir möglich
ist.
Hat Celibidache
über das Musikalische hinaus für Sie eine Bedeutung ?
Sergiu Celibidache
ist mir mehr als nur der musikalische Lehrer. Er
hat umfassende geistige und menschliche Bedeutung
für mich. Er war Orientierungs- und Fixpunkt in
meinem Leben. Einmalig ist, dass er ein unglaublicher
Denker und zugleich ein "Erleber" war,
also ein Gestalter aus dem Erlebten heraus.
Und auch das Dirigieren
war nicht einfach nur Dirigieren, sondern was er
verlangte, war allumfassend, und betraf auch Aspekte,
die einem an sich selbst vorher noch nie bewusst
geworden waren. In manchen Situationen kam es dabei
vor, dass einem ein lichter Moment entstand, und
mit einem Schlag hat sich da etwas geöffnet. Aber
es passierte auch, dass sich einem ein Abgrund auftat.
Alles kam vor, alle
Ebenen in einem selbst hat er irgendwann in Bewegung
versetzt. Man kann nicht einen Teil davon vergessen
oder einen Rest beiseite schieben. In allen Handlungen
war dieser Mensch am Werk, der mich auf die wesentlichen
Aspekte der Musik und des Lebens gebracht hat. Es
war ein unglaublich reicher Weg.
Welchen Einfluss
hat Celibidache heute auf Ihre tägliche Praxis ?
In gewisser Weise
ist alles präsent, was ihn ausgemacht hat. Und was
ich als sein Anliegen verstanden und erlebt habe,
das ist auch meines. Musik ist, was Leben transzendiert.
Das ist eine der Antriebskräfte, warum wir Musik
machen, nämlich um von den Dualismen des täglichen
Lebens frei werden zu können - ein Erleben der Freiheit
und der Wahrheit. Das schafft Kräfte und ein Licht,
das danach irgendwie weiter wirkt, obwohl es auf
materielle Dinge keinen direkten Einfluss hat. Und
ohne dass man das konkret festmachen könnte, ist
man irgendwie ein anderer danach.
Das Gespräch führten
Nortrud Löw und Mathias Winkler im April 1999 "http://www.celibidache.de/von_abel.html"

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