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Wolfgang
Schreiber
Von
Celibidache hin und her gerissen Amerikanische
Resonanz auf die USA-Tournee der Münchner Philharmoniker
„Bei
all dem Reichtum unserer musikalischen Traditionen
haben dieses Orchester und dieser Dirigent uns einiges
zu lehren", schreibt der Kritiker der Chicago
Sun Times. Und der Kollege der New York Times resümiert
seinen Eindruck von Celibidaches Orchester arbeit
so: „Er ist ein außerordentlich faszinierender Musiker,
dessen Konzerte ... ein Leben lang in der Erinnerung
verweilen werden." Faszinierend für die 130
Musiker aus München, für Celibidache und auch für
den (bei den fünf Konzerten in New York, Boston,
Worcester und Washington anwesen den) Beobachter
war nicht allein das spontan beeindruckte, heftig
zustimmende Publikum in den 14 Konzerten dieser
Tournee, sondern die Reaktion der amerikanischen
Musikkritik: So viel Hörbereitschaft, Offenheit
dem „anderen" Musizieren gegenüber hatte man
kaum erwartet — im Dorado des von Celibidache lebenslang
bekämpf ten kommerziellen Musiklebens...
Dabei
reagierten die Kritiker durchaus nicht nur mit gedruckten
standing ovations, jenem Enthusiasmus, wie er etwa
in den traditionsreichen Sälen von New York (Carnegie
Hall) und Boston nach den Konzerten minutenlang
anhielt, sondern auch mit Skepsis, Erschrecken,
manchmal sogar mit Verstörung. Etwa so, wie sie
sich zu Beginn von Bruckners vierter Symphonie im
Geflüster zweier sichtlich erfahrener New Yorker
Zuhörer offenbarte.
Celibidache
läßt da nämlich das Tremolo der Streicher im dreifachen
Piano nicht mit einem einzigen Intensitätsgrad,
sondern mit völlig verschiedenen Tremolo-Gesten
der Bögen spielen. Der aufmerksame New Yorker Musikfreund
zunächst entsetzt zu seinem Nachbarn: „The violins
are confused ... but it sounds well." Keine
harte Tremolo-Fläche, ein äußerst weicher, entmaterialisiert
klingender Ur-Anfang war das.
It
sounds well - „die unglaubliche Schönheit und die
Kultur des Klangs“ (Chicago Sun Times) des Münchner
Orchesters war es, der das leise oder laute Befremden
über Celibidache, den „Mystiker, Philosophen, Erzieher,
Kulturfigur, Einzelgänger" (so die Los Angeles
Times), immer wieder in Bewunderung umschlagen ließ.
Man war hin- und hergerissen: Einerseits die ungewohnt
langsamen Tempi bei so berühmten symphonischen Schlachtrössern
wie Mussorgksys „Bildern" oder Brahms‘ Vierter,
andererseits das wohl ebenso ungewohnte kammermusikalisch
filigrane Musizieren eines Riesenorchesters, der
visionäre Aufriß, den die Klangmaterie dabei freigibt
— jenseits der Tugenden Perfektion, Drive, Brillanz
heute gültigen Orchesterspiels.
Den
Marion Brando der Dirigenten nennt der Rezensent
von The Gazette in Montreal Celibidache; sein Auftritt
bedeutet für die meisten Kritiker die Begegnung
mit einer Legende. Man fühlt sich stark angezogen
von einem großen alten „Star" der europäischen
Musikwelt, den man ohne Mühe mit Furtwängler, Koussewitzky
und Stokowski in Zusammenhang bringt, angezogen
von seiner Kompromißlosigkeit und Sorgfalt im bedächtigen,
allen Musikmarktgewohnheiten widersprechenden Umgang
mit der Zeit und die Orchesterproben, von der Tatsache
al lein schon, daß seine Auftritte zu den Raritäten
gehören (vorausgegangen war das einzige Konzert
mit den Curtis-Studenten in New York 1985), und
man erkennt genau das Wesen von Celibidaches „Interpretationen",
die „eine Partitur aus dem Inneren heraus neu beleben",
die „unbestreitbar immer von höchster Wahrhaftigkeit
sind" (so Le Soleil von Quebec).
Aber
man fühlt sich begreiflicherweise auch irritiert
von dem seltsamen Faktum, daß Celibidache das musikalische
Kommunikationsmittel par excellence, die Schallplatte,
großzügig verschmäht. Daß die Münchner Philharmoniker
im Punkt „Präzision" mit den großen Klangkörpern
Amerikas und Europas (noch) nicht ganz mithalten
können, daß hier und da Einsätze wackeln oder die
hohen Streicher nicht immer den obersten Standard
von kraftvoller Homogenität verkörpern, das wird
ihnen von manchen Kritikern ziemlich klipp und klar
bescheinigt. Und Celibidache weiß es selbst, wenn
er bei einer Probe sagt: „Gestern haben wir besser
gespielt, als wir können."
Insgesamt
war die von Audi gesponserte Tournee ausgezeichnet
konzipiert und (von Frank Salomon) durchgeführt.
Es gab zwischen den Konzerten genügend Ruhetage,
es blieb Zeit nicht nur für flüchtige akustische
Einspielproben, sondern sogar für musikalische Feinarbeit
nach Celibidaches strengen Maßstäben. Spannend waren
die Begegnungen mit den unterschiedlichen Sälen
- ideal allein die harmonische Bostoner Symphony
Hall -, mit dem unterschiedlich reagierenden Publikum
in den Städten, das fast regelmäßig mit hymnischen
Zeitungsvorberichten auf die seltenen Gäste aus
Europa „heiß" gemacht worden war. Es gab Begegnungen
der dritten Art - so mit jenem rüstigen alten Herren
in San Francisco, der bei der Münchner Uraufführung
von Mahlers Achter 1910 (!) eine der Harfen gespielt
hatte -, mit dem 97 Jahre alten Sepp Morscher; mit
Musikern der großen Orchester in den zehn Städten
der Tournee, die den Kollegen aus Deutschland zum
Teil die schmeichelhaftesten Komplimente machten.
Es
gab gegen Ende der Reise eine Art Flüsterpropaganda
von West nach Ost, sogar Leute, die dem Orchester
nach fuhren. Vielleicht hatten sie über die Bruckner-Aufführung
im San Francisco Examiner gelesen, die der Kritiker
mit höchstem Lob bedachte - nämlich feierte als
einen „Augenblick, in dem der eigene Glauben an
die große und fast schon ausgestorbene Tradition
nonkonformistischen Musizierens auf heroischer Stufe
wiederhergestellt wurde".
Die
spontane Bereitschaft der Amerikaner, sich
auf fremde, exzentrische Wege des Musikhörens einzulassen,
so mit auf Widersprüche und Probleme der musikalischen
Rezeption heute, das war die eigentliche
Überraschung für die Gäste aus Deutschland.
Und „Der mystische Celibidache", wie John Rockwell
seine zweispaltige Kritik überschrieb, gab ihnen
dabei die interessantesten Nüsse zu knacken.
(
„Süddeutsche Zeitung", München)

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