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Christoph
Schwarz
Ein
Orchester im Aufwind - Die Münchner Philharmoniker
haben seit Saisonbeginn einen neuen Chef: Sergiu
Celibidache
In diesen Wochen
beginnt für die Münchner Philharmoniker ein neuer
Abschnitt in ihrer mittlerweile fast 90jährigen
Geschichte. Ab 1. September 1980 hat das seit dem
Tode Rudolf Kempes im Mai 1976 cheflose Orchester
einen neuen musikalischen Leiter: Es ist Sergiu
Celibidache, der aus Rumänien stammende und in Paris
lebende Dirigent, einst Vorgänger Herbert von Karajans
bei den Berliner Philharmonikern, seither - trotz
zeitweiliger engerer Bindungen an das Radio-Sinfonieorchester
Stuttgart und das Schwedische Rundfunk-Sinfonieorchester
- jeglichen Chef-Positionen abgeneigt.
„Einmal Celi, immer
Celi", „Die Philharmoniker mit Celibidache
- eine Sensation", „Triumph für Celibidache
- Philharmoniker in Hochform": Nur Euphorisches
wußten die Zeitungen der Isar-Metropole zu berichten,
als im Februar 1979 der von seinen Freunden „Celi"
genannte Maestro, der Schallplatten, die Oper und
auch sonst vieles an unserem heutigen Musikbetrieb
ablehnt, erstmals ans Pult der Münchner Philharmoniker
getreten war. Nach diesem späten, aber enorm erfolgreichen
Debüt wurden eilends die Weichen gestellt. Nur wenige
Monate danach ernannte der städtische Kulturausschuß
Celibidache zum Generalmusikdirektor der bayerischen
Landeshauptstadt.
Für die in kommunaler
Regie geführten Münchner Philharmoniker war damit
eine fast vierjährige Periode der Unsicherheit beendet.
Denn es war nicht leicht gewesen, das durch den
Tod Rudolf Kempes entstandene Vakuum zu füllen und
das unter ihm erreichte hohe Niveau zu halten. Mit
einer An zahl prominenter Gastdirigenten von Böhm
über Leinsdorf bis Wand gelang dies jedoch weitgehend.
Gespräche mit Claudio Abbado und Georg Solti über
eine intensivere Zusammenarbeit blieben allerdings
ergebnislos, konkretere Verhandlungen über die Kempe-Nachfolge
mit Rafael Frühbeck de Burgos und Gary Bertini zerschlugen
sich eben falls, teils auch durch die Opposition
des Orchesters. Ein Ausweg schien gefunden zu sein,
als Anfang 1978 mit dem Israeli Yoav Talmi ein „Erster
Gastdirigent" und „Orchestertrainer" berufen
wurde.
Mit der Einladung
an Sergiu Celibidache, übrigens ein schneller Schachzug
des neu ernannten Orchesterdirektor Franz Xaver
Ohnesorg, änderte sich die Situation schlagartig.
Nachdem trotz einer Planungszeit von nur drei Mona
ten den erhöhten Probenanforderungen des Maestro
entsprochen werden konnte, stand seinem ersten Auftreten
mit den Münchner Philharmonikern im Februar 1979
nichts mehr entgegen. An drei Abenden im Herkulessaal
musizier ten sie gemeinsam die Ouvertüre zu Mozarts
„Zauberflöte", „Tod und Verklärung" von
Richard Strauss und Bartoks „Konzert für Orchester".
Die Zustimmung bei
Publikum und Presse war einhellig. So schrieb Karl
Heinrich Ruppel in der Süddeutschen Zeitung unter
der Überschrift: „Schwierig, aber außerordentlich:
Sergiu Celibidache" über dessen Dirigierstil:
Weit entfernt
von jeglichem Temperamentszirkus sind die manchmal
exzessiv tänzerischen Bewegungen des Dirigenten
ungeheuer suggestiv; sie sind niemals Pultchoreographie,
sondern immer Befehlsübermittlungen an das Orchester,
das mit höchster Präzision auf sie reagiert - und
mit einer Spontaneität, als wäre es nicht in zehn
Proben unerbittlich auf den Willen des Maestro eingeschliffen
worden.
Karl-Robert Danler
bemerkte zu Celibidaches Interpretation von Strauss'
„Tod und Verklärung" in der tz:
Tod und Verklärung
von Richard Strauss wuchs aus kaum noch wahrnehmbaren
Pianissimi zu einem wahren Klangrausch. Wieder konnten
die Philharmoniker ihren Rang beweisen, denn dieses
Klangergebnis ist eben nur mit einem Spitzenorchester
herstellbar.
Auch Celibidache
selbst war vom Orchester - und dieses von ihm -
angetan, in Interviews attestierte er den Musikern
Qualitäten vom Range der Berliner und Wiener Philharmoniker
und signalisierte die Bereitschaft, in Zukunft seiner
Tätigkeit in München einen festen Rahmen zu geben.
Eine weitere Konzertserie im Juni 1979 mit Brahms,
Debussy und Ravel wurde erneut ein Triumph für Orchester
und Dirigent. Doch erst zwei Tage vor den entsprechenden
Beschlüssen des städtischen Kulturausschusses willigte
Celibidache ein, die für ihn neu zuschaffende Position
des „Generalmusikdirektors der Landeshauptstadt
München" zu übernehmen. Er erklärte sich bereit,
den Münchner Philharmonikern mit Beginn der Saison
1980/81 jährlich für vier längere Arbeitsperioden
einschließlich Tourneen zur Verfügung zu stehen.
Im Gegenzug wurden ihm und dem Orchester von Seiten
der Stadt eine Erhöhung der Planstellen sowie einige
andere tarifliche Verbesserungen zugesichert, nicht
zuletzt, um eine Annäherung an die Arbeitsbedingungen
des großen örtlichen „Konkurrenten", dem Sinfonieorchester
des Bayerischen Rundfunks, zu erreichen.
Ein Interview, das
der Maestro einige Tage nach seiner Berufung der
Münchner Abendzeitung gab, verdüsterte vor übergehend
die Szenerie. Celibidache hatte, wie schon mehrfach
früher, Pultkollegen von Böhm bis Karajan mit wenig
vorteilhaften Charakterisierungen bedacht, daneben
aber auch die Beständigkeit seines München-Engagements
selbst angezweifelt. Nicht mehr diese verbalen Kraftakte,
sondern erneut seine musikalische Potenz dominierten
dann bei „Celis" nächsten Konzerten im Oktober
1979 mit Bruckners 8. Symphonie in der Lukaskirche.
Die Kritiken waren einmal mehr überschwenglich.
Walter Gürtelschmid etwa resümierte in der Wiener
Wochenpresse :
Die Philharmoniker,
offensichtlich auf der Suche nach einer neuen Identität,
folgten ihrem Chef mit bedingungslosem Einsatz.
Der souverän, in jedem Moment intensiv, stets fordernd
seines Amtes waltete. Der jede Eitelkeit und Selbstgefälligkeit
vergaß und den Applaus erst gar nicht hören wollte.
Dasselbe Programm
spielten Orchester und Dirigent auch bei ihrem ersten
gemeinsamen Gastspiel beim Bratislava Festival in
der CSSR, mit ebenfalls phänomenalem Erfolg.
Im Januar 1980 gab
Celibidache - rechtzeitig zum Münchner Fasching
- neben einer Reihe von Konzerten noch eine weniger
seriöse Probe seines Könnens ab, für die er sich
von Anfang begeistern ließ. Beim ersten Ball der
Münchner Philharmoniker, einer Erfindung von Orchesterdirektor
Ohnesorg, präsentierte er sich in der Olympiahalle
als souveräner Dirigent von Walzern und Polkas der
Strauß-Dynastie. Der Münchner Stadtanzeiger bemerkte
da zu:
Der Hexer Celibidache
kam in die Olympia halle und verzauberte alle...
Beim fabelhaft gelungenen ersten Ball der Münchner
Philharmoniker dirigierte der Maestro Wiener Walzer
in großer Besetzung. Wie er es tat, wird niemand
vergessen, der dabei war. Bravo, bravo, Celibidache
und großer Dank an die Philharmoniker!
Von Ende Mai bis
Ende Juni versammelte der Maestro in München über
80 Interessenten aus dem In- und Aus land und im
Alter zwischen 18 und 60 Jahren zu einem Dirigierkurs.
Nach einem theoretischen Abschnitt mit Vorlesungen
und Dirigierübungen bekamen zwölf Teilnehmer die
Möglichkeit zu praktischer Orchesterarbeit mit den
Münchner Philharmonikern und konnten - wie die anderen
Teilnehmer - außerdem Celibidache bei Orchesterproben
beobachten. Ein ähnlicher Kurs ist nun auch für
das nächste Jahr in Planung.
Celibidaches erste,
noch „inoffizielle" Saison in München ging
im Juli zu Ende mit einer Konzertreise, die Mozarts
„Sinfonica concertante" für Violine und Bratsche
KV 364 und Tschaikowskys „Pathetique" brachte.
Zwei lang jährige Orchestermitglieder, Konzert meister
Fritz Sonnleitner und Solo-Bratscher Siegfried Meinecke,
hatten bei Mozart die Soloparts übernommen. In einem
Interview mit der Süddeutschen Zeitung zog der Dirigent
Bilanz über seine bisherige Tätigkeit bei den Münchner
Philharmonikern:
Uns ist es gelungen,
120 Mann zu demselben Herzschlag zu bringen. Wenn
Sie einen finden, der anders denkt, bin ich dankbar.
Es war einfach der Wunsch dazu da, der ohne persönlichen
Ehrgeiz entstanden ist und der auch auf der Gewissheit
gründet, daß alles hier möglich ist.
Auf sein schwieriges
Verhältnis zur Presse angesprochen, meinte der Maestro:
Daß manche in
München nicht gern haben wollen, was ich mache,
kann meine Denkweise absolut nicht beeinflussen.
Celibidache will allein bestimmen, wurde geschrieben.
Denkt ihr, daß das die Entscheidung von einem Mann
sein kann? 120 Orchestermusiker, durch ihre demokratische
Vertretung, haben solche erneuernden Maßnahmen (Aufstockung
des Orchesters, etc., d. Verf.) gefordert.
Doch gerade bei diesen
„erneuernden Maßnahmen" konstatierte Celibidache
noch erhebliche Probleme:
Wir müssen das
Orchester ergänzen. Gott sei Dank ist die Stadt
großzügig. Aber wir haben bis jetzt katastrophales
Probespielen ge habt, wir finden keine Leute. Es
liegt vielleicht auch daran, daß dieser Beruf etwas
entwertet ist durch die falsche Praxis. Hier leiden
ganze Orchester, weil der Dirigent hier und dort
nichts von sich gibt. Und der Musiker merkt, daß
das, was da vorn gemacht wird, nicht Musik in seinem
Sinne ist, er bleibt isoliert, er macht „Beruf"
daraus.
Ein Zeichen, wie
ernst es Celibidache mit den GMD-Verpflichtungen
in München ist, war auch sein Bestreben, mit Beginn
der Spielzeit 80/81 auch die bisherigen Zuständigkeiten
des Orchesterdirektors zu übernehmen. Franz Xaver
Ohnesorg, der seit Januar 1979 diesen Posten innehatte
und - mit tz -
bislang für die
moralische Aufrüstung der Philharmoniker viel getan
und sie nach außen sehr geschickt präsentiert hat,
konnte dadurch auf
Vorschlag von Kulturreferent Kolbe als Direktor
zu dem im Bau befindlichen Kulturzentrum „Am Gasteig"
überwechseln. 1982 wird dort der erste Bauabschnitt
fertig sein, 1984 dann auch der Carl-Orff-Saal und
die Philharmonie. In letzterer wird Ohnesorg für
die am Interesse der Philharmoniker orientierte
Koordination und auf den anderen sechs Veranstaltungsflächen
für die vollständige Bespielung zuständig sein.
Doch nicht nur Celibidaches
Tätigkeit brachte in der vergangenen Saison neue
Akzente für die Münchner Philharmoniker. So dirigierte
erstmals Lorin Maazel das Orchester, und zwar bei
einem Fernsehkonzert mit Werken Tschaikowskys auf
Schloß Nymphenburg, standen Eugen Jochum, der im
Jahre 1927 mit den Münchner Philharmonikern sein
Dirigentendebüt absolviert und deren erstes Konzert
nach Kriegs ende geleitet hatte, nach 30 Jahren
und Rafael Kubelik nach 15 Jahren bei einem Gedenkkonzert
für Fritz Rieger wieder am Philharmonikerpult. Gennady
Rozhdestvensky stellte Paul Hindemiths kaum bekannten
und noch weniger aufgeführten Einakter „Das Nusch-Nuschi"
vor und schließlich erwies sich der Abbado-Schüler
Riccardo Chailly mit zwei verschiedenen Programmen
erneut als einer der vielversprechendsten Dirigenten
der jüngeren Generation.
Ein Höhepunkt der
„philharmonischen" Saison wurden dann im Mai
1980 die konzertanten Aufführungen der drei „Griechendramen"
Carl Orffs im Krone-Bau, eine Art verfrühtes Präsent
der Heimatstadt an den Komponisten, der am 10. Juli
1980 seinen 85. Geburtstag feiern konnte. Wolfgang
Sawallisch dirigierte „Antigonae", Ferdinand
Leitner „Oedipus der Tyrann" und „Prometheus"
(er hatte schon die Uraufführungen dieser beiden
Stücke geleitet). Daneben wirkten eine Anzahl prominenter
Sänger als Protagonisten im zur antiken „Scene"
umfunktionier ten Zirkusrund mit. In einem Dankbrief
an den Münchner Oberbürgermeister Kiesl schrieb
der Komponist:
Als mir Herr Ohnesorg
zum erstenmal von seinem zusammen mit Dr. Kolbe
ausgedachten Plan erzählte, meine drei Griechendramen
innerhalb der kurzen Zeit von drei Wochen zur Aufführung
zu bringen, war ich von der Möglichkeit einer solchen
Veranstaltung sehr begeistert, hielt deren Realisation
aber für kaum durchführ bar ... Doch dem jugendlichen
Idealismus und der klugen Disposition von Herrn
Ohnesorg, der es auch verstand, die geeigneten Mitarbeiter
zu finden, war es gelungen, das scheinbar Unmögliche
möglich zu machen ... Ich möchte Ihnen und allen
am Zustandekommen der Aufführungen Beteiligten für
diese für mich und mein Werk beglückende und in
einer Zeit des fortschreitenden Kulturverfalls neue
Hoffnungen setzende kulturelle Tat nochmals danken.
Ein anderer denkwürdiger
Anlaß, nämlich die 25. Wiederkehr des Todestages
von Wilhelm Furtwängler, war den Philharmonikern
Grund genug für die erste von ihnen initiierte Ausstellung,
die anhand zahlreicher Dokumente und Fotos die Beziehung
dieses großen Musikers zu München illustrierte.
Immer hin hatte der 17jährige an der Spitze des
Kaim-Orchesters, des Vorgängers der Münchner Philharmoniker,
sein Konzertdebüt bestanden. In einer Matinee brachten
Wolfgang Sawallisch und das Puls-Quartett der Münchner
Philharmoniker überdies das Klavierquintett Furtwänglers
40 Jahre nach der Entstehung zur Uraufführung.
Beträchtlich vermehrten
sich in der Saison 1979/80 auch die kammermusikalischen
Aktivitäten des Orchesters. In einer eigenen Konzertreihe
„samstags um 1/25" spielte das aus Mitgliedern
der Philharmoniker zusammengesetzte Sonnleitner-Quartett
Mozarts zehn große Streichquartette und in einer
zusätzlichen Matinee stellte sich die Kontrabaßgruppe
des Orchesters vor. Außerdem bildeten sich zwei
neue Kammerorchester-Formationen: die Philharmonischen
Solisten unter der Leitung des
Klarinettisten Wolfgang Schröder und das Kammerorchester
der Münchner Philharmoniker.
Es scheint also,
daß sich die Münchner Philharmoniker auf 1984 freuen
können, daß sie hoffen können, bis dahin ihr Haus
gut bestellt zu haben, um dann nach über 90 Jahren
Bestand und 40jährigem Warten (die Tonhalle, ihr
frühe res Domizil, wurde im 2. Weltkrieg zerstört)
wieder in ein eigenes Haus zu ziehen - in die bis
dahin vollendete „Philharmonie" am Gasteig.
Wie sagte doch Sergiu Celibidache im schon genannten
Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage
nach den Perspektiven seiner Arbeit mit den Münchner
Philharmonikern:
Nichts kann mich
aufhalten. Bis jetzt sehe ich, daß alle Probleme,
die entstanden sind, gelöst wurden. Ob das so bleibt,
das kann ich nicht sagen. Es gibt auch große Interessen,
die nichts mit der Musik zu tun haben... Aber Sie
werden in zwei Jahren das haben, was ich Ihnen gesagt
habe - ein Weltorchester.
Aus der Zeitschrit:
"Das Orchester"

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