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„Jetzt, jetzt...ja,
jetzt!“ Annäherungen
an den Dirigenten Sergiu Celibidache
Ein Menschenfeind:
"Hast wohl einen schlechten Tag heute, was?"
Der Schüler zuckt zusammen. "Aber kann man
denn nicht sagen, dass..." „Sagen kannst du
alles, aber wenn du Dinge sagen willst, die stimmen,
dann sag am besten gar nichts", fährt der Lehrer
dazwischen. "Verzeihung, Maestro." Sergiu
Celibidache ist tatsächlich Maestro, Meister: ein
unverschämter Lehr meister, ein Un Verschämter.
In dem Alten Musiksaal
der Mainzer Universität, einer muffigen Klause direkt
unter dem Dach, drängen sich etwa achtzig Studenten,
junge, ältere, ganz alte. Celibidache hält eines
seiner seit rund zehn Jahren veranstalteten Seminare
über die "Phänomenologie der Musik". Vierzehn
Tage dauert das. Vormittags Theorie, nachmittags
Praxis. Und während man sich mit dem Zersetzen von
Klischees und verkrusteten Begriffen beschäftigt,
entsteht der Katechismus einer eigenwilligen Musik
Religion. "Maximaler Expansionspunkt",
"introvert“ und „extrovert" oder "auf
die Eins reduzieren" das sind Schlüsselworte
dieser Liturgie.
Aus Süddeutschland
sind renommierte Musikkritiker angereist. Man müsse
sich halt die Zeit nehmen, wenn man wirklich etwas
über Musik erfahren wolle, erklären sie. In einer
Pause schwärmt der Komponist Peter Michael Hamel
mit geröteten Wangen davon, dass ihm die letzte
Stunde eine entscheidende Erkenntnis für sein Musikdenken
vermittelt habe. Sein Vertrauen zu dem Dirigenten
scheint grenzenlos: Die letzte sinfonische Komposition
habe er in den verschiedenen Arbeitsstadien immer
zu "Celi" gebracht, um sich sagen zu las
sen, was er anders und besser machen soll. Kreativität
nach Wunsch? Celibidache wird Hamels neues Werk
uraufführen.
Furtwänglers Nachfolge
Das Auditorium lauscht
gebannt, während der Redner Bonmots platziert, Apercus
formuliert, Paradoxien auflöst und verwegene gedankliche
Hacken schlägt. Dann die immer gleiche Floskel:
"Noch Fragen?" Ein Mädchen fasst sich
endlich ein Herz, ergreift das Wort, läuft rot an,
stottert und fragt trotzdem. "Fragst du immer
so dumm?" exekutiert Celibidache die Delinquentin.
Vorerst ist sie mundtot. Konstruktive Irritation,
erklären die Kritiker.
Ein Menschenfeindbild:
Konzert im Münchener Gasteig. Langsam bewegt sich
Sergiu Celibidache zum Pult. Gicht zwingt ihn zu
einem humpelnden Schlurfen. Mit rudernden Armen
balanciert er das Gleichgewicht. Eine wuchtige Erscheinung
von Peeperkornschem Format, ein fragiler Gigant.
Fast fremd an dem großen, massigen Körper wir ken
die schmalen Hände. Lange, auffällig gepflegte Finger
zeichnen filigrane Figuren in den Raum als wenn
Mimosenblüten aus einem Eichenstamm trieben. Der
Kopf erinnert an einen berühmten Klaviervirtuosen
und Wagner- Mentor. Das lange, schlohweiße Haar
ist pomadisiert nach hinten gestrichen. Auf der
rechten Seite fällt eine Strähne nach vorne, immer
wieder, als sei hier bewusst an Pomade gespart worden.
Am Handgelenk klingelt ein schweres goldenes Armband.
Die Gicht scheint
beim Dirigieren wundersam geheilt. Ravels "Alborada
del gracioso" treibt ihn tief in die Knie,
die Hüften wiegen sich, die Arme schnellen empor
wie windbewegte Palmwedel, als er Debussy's "lberia“
dirigiert. Aber Celibidache dirigiert vor allem
mit dem Gesicht, zum Beckenschlag reißt er die Augen
auf, zum Paukenwirbel beben seine Wangenmuskeln,
mit den im Streicherpianissimo gespannten oder zum
Blechbläserstoß geschürzten Lippen und besonders
mit den so differenziert crescendierenden Augenbrauen,
die sich heben und senken wie Lautstärke Pegel.
Nach dem Schlussakkord
bleibt dem Publikum der Rücken zugekehrt. Je nach
Laune und ohne vorherige Absprachen fordert Celibidache
nicht nur Solisten, auch andere Musiker aus dem
Orchester auf und lässt sie aufstehen. Wenn jemand
sich erhebt, der nicht gemeint war, muss er sich
wieder setzen. Wer dem Dirigenten ganz besonders
gut gefiel, wird sogar von ihm persönlich beklatscht.
Mehr als zehn Minuten dauert diese Prozedur manchmal.
Aufstehen bei Celibidache ist wie Zeugnisvergabe.
Ohne ins Publikum
zu schauen, rudert der Dirigent von der Bühne und
wieder in ihre Mitte. Der Applaus scheint ihm lästig.
Die Haarsträhne fällt wieder ins Gesicht. Dann,
ganz zum Schluss, wendet er sich dem Publikum zu,
legt den Kopf schief und blickt gelangweilt in die
Leere, weit über die Leute hinweg.
Ein Menschenfeindberührungsversuch:
Interviews gibt Sergiu Celibidache grundsätzlich
nicht mehr. Das sei verschwendete Zeit. Außerdem
hätten Kritiker sowieso keine Ahnung. Denn: "Nur
Musiker können über Musik schreiben." Seine
These ist nicht eben originell: "Was ist heute
ein Pressemann? Ein Mann, der einmal ein bisschen
mit Musik zu tun gehabt hat nicht genügend, dass
er selbst Musik machen konnte.“ Celibidaches Rezept:
"Diese Leute, die täglich alles vergiften,
sollten einmal pausieren oder über Gynäkologie schreiben.
Auf dem Gebiet hat doch jeder ein bisschen Erfahrung."
In diesem Sinne werden
Journalisten aus aller Herren Ländern abgewiesen.
Sogar aus Israel sind ein paar Kollegen vergeblich
nach München gekommen. Einer, dem man ausnahmsweise
doch einen Gesprächstermin versprochen hat, wird
in Mainz abgeschmettert: "Ein Porträt wollen
Sie über mich schreiben? Wen interessiert denn meine
Person? Interessant ist doch nur die Musik, meine
Arbeit." Bescheidenheit? Der Einwand, man wolle
ja ebendiese Arbeit darstellen, nützt wenig. Entnervt
verdreht der Gebetene die grünen Augen und zieht
nervös die Oberlippe über die Zähne: "Sie können
doch nicht über meine Arbeit sprechen, ohne meine
Person zu berücksichtigen." Celibidache Dialektik.
Ein Menschenfeindbildersturm:
Sergiu Celibidaches Verdikte über Dirigenten Kollegen
sind berüchtigt. Außer Furtwängler, dem Abgott und
Celibidache Vorbild, bleibt kaum einer verschont.
Allenfalls Schuricht und Stokowsky lässt er noch
sehr bedingt gelten. Mit Bernstein und Mehta hat
er "nichts zu schaffen". Den Münchener
Kollegen Sawallisch hält er für einen "Langstreckenspezialisten
im Mezzo forte". Muti sei "ein Ignorant
wie Toscanini" und Toscanini selbst" ein
armseliger Musiker". Bei Karajan, dem großen
Antipoden, gerät er restlos in Rage: "Schrecklich.
Entweder ist er ein guter Geschäftsmann, oder er
kann nicht hören." Dass er Karajan angeblich
mit Coca Cola verglichen habe, relativiert Celibidache
heute und macht wiederum die bösen Journalisten
dafür verantwortlich.
Verbitterung, Altersstarrheit,
Resignation das alles mag bei diesen Schroffheiten,
Beleidigungen und Allüren eine Rolle spielen, erklären
tut es nichts. Die Ursachen liegen anderswo. Im
Leben des am 28. Juni 1912 im rumänischen Roman
geborenen Sergiu Celibidache gibt es einen entscheidenden
Wendepunkt, eine so tragische wie fruchtbare Enttäuschung.
Es begann mit einer Chance: Als Wilhelm Furtwängler
1946 "aus Entnazifizierungsgründen" seinen
Aufgaben nicht mehr nachkommen konnte, wurde der
junge Dirigent zum Interimsleiter des Philharmonischen
Orchesters Berlin berufen. Fünf Jahre dirigierte
er das Orchester mit phänomenalen Ergebnissen. Als
Furtwängler die Philharmoniker 1952 wieder übernahm,
war Celibidache ein Star im Nachkriegs Berlin. Doch
nach Furtwänglers Tod 1954 wurde nicht Celibidache,
wie von allen und besonders von ihm selbst erwartet,
Nachfolger, sondern ein Mitbewerber namens Herbert
von Karajan. Der Rumäne, vom Orchester quasi für
seine kompromisslose Probenarbeit bestraft, hat
dieses traumatische Erlebnis vermutlich nie über
wunden. Lange Zeit nahm er keine festen Engagements
mehr an, ging für Jahre ins Ausland. Der Antipode
Karajans eine lebenslängliche Rolle?
Nicht zuletzt in
diesem Konkurrenzgefühl wurzelt bewusst oder unbewusst
wohl auch sein bedingungsloses, trotz vehementer
Konflikte unerschütterliches Engagement für die
Münchener Philharmoniker, die er seit 1979 leitet.
1980 prophezeite er: "Nichts kann mich aufhalten...
Sie werden in zwei Jahren das haben, was ich Ihnen
gesagt habe ein Weltorchester."
Mit dem früher keineswegs erstrangigen Münchener
Orchester den Berliner Philharmonikern ein Pendant
entgegenzusetzen, sie wo möglich zu übertrumpfen
und das zu er reichen, was die Berliner verschenkten:
einen genuin "deutschen Klang" diese Ziele
sind wesentliche Triebkräfte für die ungebrochene
Energie Celibidaches.
Mit der in den Nachkriegsjahren
geschlagenen Wunde hängen mittelbar auch noch zwei
andere Eigenarten dieses Dirigenten zusammen: seine
Verweigerung gegenüber Tonträgern und die Ablehnung
der Gattung Oper. Am Musiktheater stört ihn nicht
nur die schlampige Aufführungspraxis. "Oper
ist keine Musik. Es ist nur eine Gattung, in der
auch Musik vorkommt." Ein ähnliches Absolutheitsstreben
hält ihn auch von Schallplattenaufnahmen ab. Eine
Platte gebe nicht Musik wieder, sondern allen falls
eine Fotografie derselben. Dabei werde ihre Persönlichkeit,
ihre Vielschichtigkeit zerstört. Außerdem wehrt
er sich mit seinem Tonträger Veto gegen die Vermarktung
und Kommerzialisierung von Musik, die auf diese
Weise zur Ware degeneriere. Celibidache, von dessen
Konzerten nur ein paar veröffentlichte Rundfunkmitschnitte
und einige Raubpressungen auf dem Schwarzmarkt existieren,
hält. die Platte sogar für eine Hauptursache des
fortschreitenden Kulturverfalls. Man darf sich denken,
wer seiner Meinung nach maßgeblich dazu beigetragen
hat. "Wir sind nicht mehr Menschen. Wir sind
schwer in Konfusion geratene Nachahmer", lautet
sein mürrisches Fazit. Aber im Gegensatz zu vielen
Kollegen klagt er nicht nur, sondern zieht Konsequenzen.
Dass Celibidache mit seinem koketten Selbstentzug,
der angeblich jeden Personenkult unterbinden soll,
das genaue Gegenteil, nämlich charismatische Mythen
und Legendenbildung erreicht, ist ihm vermutlich
sogar selbst klar. Die betonte Uneitelkeit ist schließlich
nichts anderes als eine sublimierte Form besonders
extremer Eitelkeit. Mit dem Schimpfen aber erreicht
der Musiker, so unrealistisch, so abstrus und übertrieben
seine Tiraden bisweilen sind, eine wichtige
Wirkung: Er verstört, er stört auf, er stört, ganz
einfach. Und ganz wichtig. Denn Celibidache trifft
nicht immer ins Schwarze. Aber er trifft häufig
genug wunde Punkte.
Gedehnte Tempi
Wenn er probt, ist
dieser große Unnahbare kaum wiederzuerkennen. Meist
sachlich und überraschend freundlich, geradezu liebenswürdig
geht er mit den Musikern um. Keine Spur vom echauffierten
Orchester Despoten. Celibidaches Proben und
es gibt viele davon, denn er probt mehr als die
meisten anderen Dirigenten sind fast immer öffentlich.
Jeder kann und soll sehen, wie hier gearbeitet wird.
Auch dies ist Bestand teil seiner Musikmission.
Auf dem Programm
steht Bruckners Achte. Zunächst bespricht Celibidache
Details aus dem gestrigen Konzert. Vorsichtig tadelt
er die Cellostimme und lobt eine besonders gelungene
chromatische Aufwärtsbewegung. Dann zu Bruckner:
Nach den Anfangstakten bricht er ab. Die Spannung
sei zu schnell aufgebaut. Überhaupt sind Aufbauen
und Abbauen Hauptstichworte seine Arbeit. Alles
ist auf einen "maximalen Expansionspunkt"
ausgerichtet, eine Klimax, auf die sich in der jeweiligen
musikalischen Einheit sämtliche Energien zu bewegen
und wieder davon weg führen müssen. In diesem Sinne
gestaltet Celibidache bewusst formal beziehungsweise
strukturell und nicht wie oft behauptet nur klangorientiert.
Hierfür allerdings benötigt er geschlossene musikalische
Architekturen, ein Grund, war um ihm Bruckner so
nah und Mahler so fern liegt.
Zweifellos ist der
Dirigent auch ein versessener Klangtüftler. Er mischt
durch dynamische Abstufungen und pedantisch ausgearbeitete
Bogenrührungen oft unerhörte Farbwerte. Vor allem
die Pianokultur der Münchener hat sich zu einem
Markenzeichen entwickelt. Nur wenige Orchester verfügen
derzeit über ein ähnlich schwereloses, filigranes
Piano wie dieses. Der verblüffendste Effekt: Die
Spezialisten für das Leise brauchen nur noch ein
normales Fortissimo anzustimmen und wirken so laut,
als würden gleich Saiten reißen und Trommelfelle
platzen. Der Einfluss des Orchestererziehers Celibidache
ist enorm, die Handschrift unverkennbar. Die Münchener
Philharmoniker sind "sein" Klangkörper
geworden. Der Kopf weiß das zu schätzen und zu bewahren.
Plötzlich wird ihm der Bruckner zu laut, zu plakativ.
Er klopft ab. "Die anderen Dirigenten, die
hier ankommen, können sagen, was sie wollen. Sie
dürfen nicht darauf hören." Wiederholung. "Leise,
nach hinten spielen", verlangt er. "Singen",
schreit er. Dann freut er sich: Jetzt, jetzt ...
ja, jetzt!"
Die Musiker lassen
nichts auf ihren Leiter kommen, bleiben verschwiegen
und verschworen wie eine Mafia. Journalisten gegenüber
sind sie skeptisch, wie ihr Chef wegen ihrem Chef.
"Keine Probleme", sagt ein Streicher lakonisch.
"Der Erfolg gibt ihm recht", hüllt sich
ein Bläser in Schweigen, und ein an derer erklärt:
"Wir haben schon gewusst, warum wir ihn gewählt
haben." Nicht zuletzt dank "Celi"
wie er in Fachkreisen zärtlich genannt wird sind
die Münchener Philharmoniker heute eines der bestbezahlten
Orchester.
Leitmotiv in allen
Diskussionen über Sergiu Celibidache und sein Dirigieren
ist das Tempo. So langsam spielen darf
man das denn? Zu stürmischen Geschwindigkeitsrekorden
tendierte der Dirigent wohl noch nie, mit zunehmen
dem Alter aber werden seine Zeitmaße so breit, dass
man mitunter völlig neue Werke zu hören glaubt.
Das gelingt nicht immer: Bei Debussys "Prélude
à l’apres midi d'un faune“ etwa wird jedes Harfenarpeggio
zur ausgespielten Ton folge geweitet, jede Flötenarabeske
in ihre Einzelteile zerlegt. So faszinierend das
im Detail sein mag: der "Nachmittag eines Fauns"
läuft Gefahr, wie ein Schlaflied für den lüsternen
Waldgeist zu klingen. Brahms, Bruckner, aber auch
instrumentalen Wagner Exzerpten, etwa dem "Kaufreitagszauber"
oder der Trauermusik aus der "Götterdämmerung",
gewinnt der Dirigent auf diese Weise ungeahnte Spannungsverläufe,
neue motivische Zusammenhänge und Klangwirkungen
ab. Mit Celibidache kann man selbst im altvertrauten
Repertoire auf Entdeckungsreise gehen. Der Klangpfadfinder
sucht neue Wege, in dem er die musikalische Topographie
unter der Zeitlupe verdeutlicht. Sein Prinzip klingt
simpel: Tempo ist nicht zu verwechseln mit Geschwindigkeit:
Ist die Vielfalt eines Stückes groß, muss ich breiter
werden, um alles hörbar zu machen, ist sie klein,
kann ich beschleunigen." Und weil der Dirigent
mit den Jahren immer mehr in den Partituren entdeckt,
will er immer mehr hörbar machen. Das Erschließen
neuer Binnenstimmen und strukturen, die Vermittlung
von Vielfalt kostet Zeit. Vor allem deshalb hat
es Celibidache immer seltener eilig.
Ein Hauptziel dieses
Dirigenten aber ist es, nicht nur gute Musik zu
machen, sondern ein anderes Musikbewusstsein zu
vermitteln. Den Kulturbetrieb hält er für verdorben.
Seine Hoffnung gilt der Jugend. Und so konsequent
er sich den Medien, auch dem Konzertbetriebsrummel
entzieht, so engagiert widmet er sich der Arbeit
mit Jugendlichen. In Mainz gibt er jährlich seine
Kompakt Seminare, beim Schleswig – Holstein Festival
leitete er im vergangenen Jahr die Orchesterakademie,
ein in vierwöchiger Probenarbeit zusammengeschweißtes
Tourneeorchester aus Nachwuchsmusikern, und in München
gibt er Privatunterricht, veranstaltet manchmal
auch nach einer Probe oder einem Konzert Seminare
für junge Dirigenten oder Musikinteressierte.
In einen Proberaum
lässt er sich dann einen großen Sessel tragen, thront
in der Mitte vor vielleicht zwanzig Zuhörern und
eröffnet wie üblich: "Noch Fragen?" Er
nimmt sich Zeit, philosophiert Stunden über scheinbare
Selbstverständlichkeiten und rüttelt so an den Grundpfeilern
herkömmlicher Musikbegrifflichkeit. Eines haben
all seine dialektischen Diskurse gemeinsam: ein
konstruktives Misstrauen gegenüber der Sprache.
Mit rumänischem Zungenschlag schwelgt er selbst
in süffigen Formulierungen, unterbricht aber immer
wieder Fragen der Schüler, sobald sich zweideutige,
falsch definierte oder allzu selbstverständliche
Begriffe einschleichen: "Siehst du, wie verräterisch
die Sprache ist? Und wie wahr die Musik ist!“
Er will „wegkommen
von dem ganzen Dreck fester Begriffe". Deshalb
zeigt er die Relativität des Tempos und des Zeitempfindens,
verwirft den Terminus Interpretation ("Das
ist eine kokette Summe der Ignoranz des Darstellers
und des Zuhörers") und leugnet das Vorhanden
sein von "Genie, Begabung, Talent. Die se konventionellen
Begriffe sind Quatsch. Jeder hat die Möglichkeit,
nur bei jedem ist es anders blockiert."
Celibidaches Denken
ist stark von der Zen Philosophie beeinflusst. Dort
gibt es kein Warum. "Die Wahrheit liegt hinter
dem Denken", heißt eine Weisheit der Zen Buddhisten.
Und hinter dem Denken sucht Celibidache die Musik.
Seinen Schülern stellt er eine Zen Frage: "Zwei
Fische und fünf Steine sind wie viel? Antwort: Da
oben singen die Vögel." Nicht denken, das sei
entscheidend. "Die Wirklichkeit kann man nicht
denken. Aber man kann sie erleben, So gesehen ist
Musik Wirklichkeit." Celibidaches Realitätstheorie:
"Intellekt ist Nein. Musik ist ein Ja."
Und trotzdem kann gerade dieser Lehrmeister ohne
Nein nicht leben.
Gegen Mahler und
Adorno
Im Gespräch beginnt
er zunächst wieder zu schimpfen: Pauschal beklagt
er den Verfall der Musikkultur, die Borniertheit
der Musikpädagogik, die Unfähigkeit seiner Kollegen:
Bertini sei völlig unbedeutend, Inbal: "ein
Skandal", "der nennt sich auch noch Celibidache
- Schüler". Seine Mahler Ablehnung klingt so:
"Ein zerrissener Mensch. Er fängt immer gut
an und hört nie auf. Das ist die Schande unserer
Zeit. Es ist das Chaos." Ob denn nicht gerade
diese Zerrissenheit, die Brüchigkeit eine Qualität
sein könnte? "Seit wann das denn? Mahler ist
der größte Orchesterkenner aller Zeiten, sehr musikalische
Themen, aber er konnte nichts damit anfangen. Es
geht nirgends hin", sagt er, die Mundwinkel
verbittert senkend.
Noch weniger hält
er von Adorno, für ihn ein rotes Tuch: „Es gab auch
solche Amateure wie Adorno, der nie etwas von Musik
verstanden hat. Und wenn Sie einen Beweis wollen,
hören Sie sich seine Kompositionen an." Enttäuscht
spricht Celibidache auch von seinen Schülern. Er
habe rund fünftausend Studenten gehabt, kein einziger
Dirigent sei bis heute dabei gewesen. Warum er dann
überhaupt noch unterrichte? Schulter zucken, Ratlosigkeit,
dann: "Ich habe in diesem Land gelernt, also
muss ich es auch hier weitergeben. Das ist der Grund,
weshalb ich überhaupt hier geblieben bin",
erklärt er.
Warum schimpft dieser
Mann so? Gern erzählt er von seinen früheren Frechheiten,
von seiner Studienzeit. Zu seinem Gehörbildungslehrer
will er ein mal gesagt haben: "Herr Professor,
ich kann Ihr Gehör nicht bilden, denn Sie haben
keins." Darauf der Professor später: "Wenn
Sie so begabt sind wie frech, dann werden Sie sehr
weit kommen. Celibidache ist stolz auf seine
Unverschämtheit. Er kultiviert sie. Schimpfen als
Schutz? Der Schimpfende ist ein Ängstlicher, der
mit Kraftworten Wort kraft sucht zur Selbstverteidigung.
Langsam redet er
sich mit Anekdoten in Rage, taut auf, beginnt zu
lachen. An einen Spanier erinnert er sich, der auf
freiem Feld unter einem Baum saß und Tag für Tag
Tuba blies. Oder an einen türkischen Taxifahrer,
der ihn sofort als Rumänen erkannt hatte und es
ablehnte, nach dem Warum gefragt zu werden. "Das
ist Zen."
Langsam erscheint
hinter dem schimpfenden Monument der Mensch. Sergiu
Celibidache, sicher einer der größten Musiker unserer
Zeit, ist gar nicht unantastbar. Er ist nur so verletzlich,
dass er sich besonders wappnet: ein gebranntes Kind,
das zunächst in der Unnahbarkeit Schutz sucht. Mit
all seiner Allürenhaftigkeit, mit seinem hoch fahrenden
Autoritäts- und Absolutheitsanspruch verkörpert
er einen Künstlertyp aus dem neunzehnten Jahrhundert
auch wenn er jeden Personenkult ablehnt. Er ist
einer von gestern mit Ideen von übermorgen. Ob ihm
die Zukunft auf seiner Suche nach der verlorenen
Zeit recht gibt?
Es ist nicht Arroganz
oder Vermessenheit, was ihn treibt, vielmehr Bedingungslosigkeit
in seinem Streben nach einem abstrakten Ideal reiner,
unverdorbener Musik. "Musik verschwindet“,
fürchtet er und versucht sie dennoch aufzuhalten:
Deshalb spielt er, deshalb lehrt er, deshalb schimpft
er.
Musik wozu? "Ich
bin ebenso arm wie Sie. Gelingt es mir nicht, in
einem Konzert einige von uns raufzubringen ... Wohin
rauf? Zur Wahrheit zu bringen. Dann hat mein Leben
keinen Sinn. Bis jetzt hat es immer Sinn gehabt."
Ein Menschenfeind?
M.O.C. Döpfner, 20.
Februar 1988 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

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