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1.
Sergiu Celibidache Festival
eine
Hommage an Sergiu Celibidache zum 90. Geburtstag 7.
bis 20. Oktober 2002 Prinzregententheater München
Textbeiträge
aus dem Festival Programm
.....
über Celibidache Als
stände er hinter mir - Zubin Metha Gestalt
gewordener Wille - Hans Zender Ioana
Celebidachi
Ida
Haendel über Sergiu Celibidache
I had the good fortune
and great honour to perform many sublime concerts
under the baton of Sergiu Celibidache. It is impossible
to define genius, but Celibidache was that rare
phenomenon who represented an intellect of the highest
order combined with an amazing technical conducting
skill to match.
His great contribution
to music was that he carved a path into hitherto
unknown musical territory, a revelation of unique
quality and experience. Celibidache was capable
in a magical way to interpret and incorporit, the
mystery of life into the eternal enigma of music.
We should be forever
grateful for this cultural education from a man
whose presence on this planet was a gift to all
musicians, young and old. The impact which Celibidache
made is boundless, an inspiration and
legacy to be cherished for posterity.
Alexandre
Myrat über Sergiu Celibidache
Es war 1974, als
ich, während einer Probe mit dem Orchestre Philharmonique
im Studio 104 in Paris, mit einem Dirigenten zusammenstieß,
der in einem Studio neben uns mit dem Orches tre
National de France probte. Ich war überrascht. Alles
was ich wusste, wurde von der Präsenz, der Praktik,
der Methode dieses Mannes in Frage gestellt. Wer
ist das? fragte ich. Sergiu Celibidache. Ich wollte
ihn verstehen. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich
dazu noch nicht fähig. Es war auf eine gewisse Weise
noch zu früh. Mit 24 Jahren, die Aktivität als Dirigent
mit Erfolg begonnen, sah ich mich abermals auf den
schwierigen Platz eines Schülers verwiesen.
Ich musste ein Jahrzehnt
warten, um den Weg in die Richtung dieses Mannes
zwingend ein zuschlagen. In keinem meiner Lebensläufe
ist bis heute nur vermerkt, dass ich ein Schüler
von S.C. war, da dies in gewisser Weise nicht richtig
wäre. Denn er ist es, der mein Leben voll ständig
verändert hat. Ab den 80er Jahren habe ich bei seinen
Proben zugehört. Am Anfang verstand ich nichts.
Ich tauchte wieder in die Gefühle der 70er Jahre
ein. Stück für Stück über wand ich diese Panik.
Ich stellte alle Aktivitäten ein, bis ich wieder
etwas verstand. Als meine Ohren und mein Bewusstsein
eine neue Orientierung gefunden hatten, fühlte ich
mich bereit, meine Erfahrung zu machen. Die Seminare
über Phänomenologie in Mainz spielten eine wichtige
Rolle. Alles was ich euch sage, alles was ich euch
lehre, gehört nicht mir. Ich bin nur ein Medium.
Oft haben wir gehört, wie er darauf bestand. Er
war der Weg. Er war die Stimme. Es gibt keinen Zweifel
daran, dass es schwierig ist, mit jemanden darüber
zu sprechen, der nicht in seinem Fahrwasser gelebt,
experimentiert und gewandelt hat. Er ist für mich
ein Stern, der hoch und hell strahlt, der immer
meinen Weg bewacht. Ich bin ihm wirklich dankbar.
Natalia
Gutman über Sergiu Celibidache
Für mich ist es sehr
schwer, etwas über einen so genialen Menschen wie
Sergiu Celibidache zu sagen. Er war für mich eine
der bedeutendsten Persönlichkeiten, die ich das
Glück hatte, kennen lernen zu dürfen. Die Welt ist
viel ärmer geworden, seitdem er nicht mehr bei uns
ist. Der Platz, den er in den Herzen und Seelen
vieler Menschen wohlgemerkt nicht nur
Musiker innehatte, wird für immer frei
bleiben, weil Sergiu Celibidache unersetzlich ist.
Ich erinnere mich an jedes unserer Treffen, an jedes
Konzert gehört oder sogar mit ihm gespielt
und fühle tiefe Liebe, Dankbarkeit und
Begeisterung für diesen Menschen, die auch mit den
Jahren unvermindert andauern wird.
Markus
Henschel über Sergiu Celibidache
Das Verhältnis von
mir und meinen beiden Geschwistern zu Sergiu Celibidache
begann in unserer Kindheit während Celibidaches
Stuttgarter Zeit. Unser Vater, damals Solobratschist
im SDR-Orchester, bot an, Celibidache teilweise
sogar mit Familie in unserem Sindelfinger
Haus unterzubringen. Damals erlebten wir ihn mehr
im privaten Bereich, hatten aber auch die Möglichkeit,
den Konzerten mit dem SDR beizuwohnen sowie in einem
Jugendorchester in Stuttgart unter seiner Leitung
mitzuwirken. Als Celibidache dann nach München ging,
verloren wir uns für einige Zeit aus den Augen.
Später nahmen wir mehrere Jahre an seinen Vorlesungen
in Mainz teil und schließlich auch an seiner ersten
Orchesterakademie im Rahmen des Schleswig-Holstein
Musik Festivals. Auch ergab sich durch unseren Umzug
nach München dann wieder die Gelegenheit, den Proben
und Konzerten mit den Münchner Philharmonikern beizuwohnen.
Unser Cellist Mathias
Beyer kam bereits durch seinen Lehrer Hans Erick
Deckert mit den Anschauungen von Sergiu Celibidache
in Kontakt. Persönlich lernte er ihn dann ebenfalls
in Mainz kennen, was seine Auseinandersetzung mit
Celibidache selbstverständlich intensivierte. Natürlich
hat uns all dies in verschiedenster Weise geprägt
und wir sind Sergiu Celibidache sehr dankbar für
all diese Erlebnisse, Erfahrungen und Lehrstunden.
Lajos
Lencsés über Sergiu Celibidache und Milhaud
Ein Werk für ein
Konzert in memoriam Celibidache auszuwählen, ist
kein leichtes Unter fangen, wenn man sich seinen
Anspruch an die Kompositionen aber auch an sich
selbst vor Augen hält. Es sollte das Werk eines
Komponisten sein, den Celibidache schätzte und dessen
Musik er gern dirigierte. So kam meine Wahl auf
Darius Milhaud und dessen Suite choreographique
„Jakobs Träume für Oboe und Streicher„. Das fünfsätzige
Werk basiert auf Episoden aus dem Alten Testament,
deren Mittelpunkt die beiden Träume Jakobs bilden.
Der erste Satz trägt
den Titel „Kopfkissen“, welches bei Jakob ein Stein
in der Wüste ist, der der Grundstein des Tempels
werden soll, den Jakob Gott errichten will. Im ersten
Traum sieht Jakob eine Leiter die bis zum Himmel
ragt und auf der Engel auf- und ab schweben; als
Sinnbild der Verbundenheit von Gott mit der Erde.
Der zweite Traum musikalisch dargestellt
durch ein atemberaubendes Fugato ist
ein Kampf zwischen Jakob und dem Engel, dessen Ausgang
bis zum Anbruch des Tages ungewiss bleibt. Jakob
wacht verletzt auf und erhält den Segen des Engels
und seinen neuen Namen: Israel. Ein Orakel, eine
in Musik gegossene Prophezeiung, schließt sich an
und das Werk klingt aus mit einem jüdischen Hymnus
an Gott.
Ohne billige Parallelen
ziehen zu wollen, glaube ich, dass Celibidaches
Leben und Musizieren ohne seinen Kampf und seinen
Glauben an das Transzendentale und Göttliche in
der Musik und Im Menschen nicht denkbar gewesen
wäre. Möge dieses Werk für ihn erklingen!
Ingolf
Turban über Sergiu Celibidache
Sergiu Celibidache
als Klangmagier ist in aller Munde und (mehr oder
weniger) gut beschrieben worden. Im Rahmen meines
damals blutjungen Konzertmeisterdaseins und solistischer
Auftritte war es mir vergönnt, auch sein von breiter
Öffentlichkeit selten wahrgenommenes Stil les, fürsorgliches,
äußerst liebevolles Wesen erlebt zu haben. Seine
Ermutigung, ich solle nach zu begrenzender Zeit
in seinem Orchester eigene Wege weitergehen, war
von geradezu bewegend uneigennütziger Weitsicht.
Kein Tag vergeht, an welchem ich nicht der Größe
seines Musizierens und Seins dankbarst gedenken
würde.
Peter
Michael Hamel über Sergiu Celibidache
Aschau, 15./16. August
1996 Wieder eine Nacht fast ohne Schlaf, der
vergebliche Anruf in Celis Mühle, dann aus Paris
die Gewissheit, dass er gestorben ist. Mein erster
Gedanke: was wird mit seinen Kompositionen werden,
außer seinem „Taschengarten“ ist nichts aufgeführt
worden. Er war ja immer schon Komponist gewesen,
hatte in seiner Berliner Zeit bei Heinz Tiessen
studiert und damals unzählige zeitgenössische Werke
mit den Berliner Philharmonikern und später in Schweden
realisiert, nur seine eigenen nicht. Und in München
haben, außer mir die beiden Nestoren unter den lebenden
Komponisten, Günter Bialas und Harald Genzmer von
seinem instrumentatorischen und kompositorischen
Kenntnissen profitiert.
Peter Michael Hamel
zum Tod Sergiu Celibidaches im Jahrbuch der Münchner
Philharmoniker 1996
Anton
Garcia Abril über „Celibidachiana“
„Celibidachiana“
ist ein Werk, das dem großen Meister und Freund
Sergiu Celibidache gewidmet ist. Aber es handelt
sich nicht nur um eine für ihn bestimmte Widmung,
sondern ich wollte mich darüber hinaus auf irgendeine
Weise dem „celibidachischen“ Verständnis der Musik
annähern. Die ästhetisch-technische Haltung von
Celibidache gegenüber dem musikalischen Phänomen
ist es wert, tiefergehend analysiert zu werden.
Celibidache nähert sich der Musik mit einer Philosophie
voller Größe und Bescheidenheit. Technische Inspiration
und Intuition zeichnen seine große Persönlichkeit
als Künstler aus. Er ist sogar in der Lage, selbst
den Komponisten des Werkes zu überraschen. Und gerade
was sich in der Kunst schwer analysieren und erklären
lässt, ist das, was Sergiu Celibidache nach einer
wissenschaftlichen und psychologischen Studie In
einen zusätzlichen Aspekt jener „Phänomenologie
der Musik“ verwandelt, die als eine Konstante seiner
Persönlichkeit bezeichnet werden kann.
Diese kurz notierten
Gesichtspunkte und viele weitere der menschlichen
Natur machen das „Celibidachische“ aus, woher der
Titel des Werkes rührt. Diese Gegebenheiten, die
völlig mit meinem technisch-ästhetischen Fokus der
Musik übereinstimmen, sind auf irgendeine Art und
Weise Motivation oder Ausgangspunkt um diese „Elegie
für Orchester“ durchzuführen. Einmal, auf einer
seiner Reisen nach Madrid, bat er mich, ihm ein
Werk für Orchester zu schreiben. Seit damals hatte
ich nicht aufgehört über eine Sinfonie mit sehr
speziellen Charakteristika nachzudenken: der Wiedererlangung
der bedeutenden konstruktiven Elemente der Musik,
die vom Orchester ausgehend und sich seiner großen
ausdrucksstarken Mittel bedienend das Klanggebäude
errichten. „Celibidachiana“ ist meine innige Ehrerbietung
an den Freund und Meister.

Als
stände er hinter mir
Ein
Gespräch zwischen Zubin Mehta und Mark Mast
Maestro Mehta,
wie würden Sie Ihre persönliche Beziehung zu Maestro
Celibidache beschreiben?
Die Sache ist so:
Ich habe mit ihm persönlich nicht allzu viele Stunden
verbracht. Ich habe immer wieder seine Konzerte
in Wien miterlebt und etliche Filme mit ihm gesehen.
Wodurch ich allerdings sehr viel von ihm und über
ihn erfahren habe, war durch die Dirigate, die ich
für ihn übernahm.
Am Ende seines Lebens
musste er ja doch recht viele Konzerte absagen und
wenn ich dann im letzten Moment eingesprungen bin
und an das Pult trat, fand ich ein fertig präpariertes
Orchester vor.
Oft habe ich dann
die Werke dirigiert, die er sich so sehr zu Herzen
genommen hatte beispielsweise die letzten
drei Bruckner-Sinfonien. Und eben durch diese Arbeit
gewisser maßen durch das Orchester habe
ich seinen Geist gespürt. Es war immer ein sehr
starker Eindruck. Das erfährt man nicht bei jedem
Dirigenten. Ich kann ganz große Dirigenten nennen,
deren Orchester ich dirigiert habe, und nicht gespürt
habe, dass da irgendein Einfluss von dem Orchester
ausgeht. Aber bei den Münchner Philharmonikern,
besonders bei den Bruckner-Sinfonien, habe ich das
stark gespürt sehr stark! Ich habe vier,
sieben, acht und neun für ihn dirigiert.
Von Anfang an habe
ich dem Orchester immer gesagt, ja ich habe es regelrecht
gewarnt: „Ich weiß, dass ich Celibidaches Tempi,
seinen Atem“ Tempo ist so ein Klischee
geworden „nicht nachmachen kann, das
wäre nicht ehrlich. Ich schätze jedoch alles, was
Sie polyphonisch und kammermusikalisch von ihm gelernt
haben“. Und die Orchestermusiker sagten mir gleich
in der Probe: „Nein, nein, machen Sie Ihre Tempi“.
Celibidaches Atem, in diesem Lebensabschnitt sozusagen
am Ende seines Lebens war einfach ein
anderer Atem als meiner, der eines relativ jungen
Menschen.
Man könnte also
sagen, er hat zu Ihnen gesprochen.
Ja, und es war nicht
geplant. Nie wurde gesagt, ich mache für Dich die
vier Sinfonien, das wäre doch Unsinn. Es ist einfach
so gekommen.
Das heißt, in
dieser Situation haben Sie sich auch wenn
ich das so sagen darf ein bisschen als
„Medium“ empfunden?
Bei einem der Wiener
Konzerte war das ganz ausgeprägt. Ich habe mich
so gefühlt, als stände er gerade hinter mir im Saal.
Irgendwann einmal, lange vor diesem Konzert, als
ich ihn im Spital besuchte, sagte er mir, dass dieses
Wiener Konzert ihm sehr viel bedeuten würde, und
gerade dieses Konzert musste er absagen. Es war
wie eine Art Abschiedskonzert, er hat es nie gesagt,
aber ich habe es so gefühlt.
Seit 1999 gibt
es die Sergiu Celibidache Stiftung. So stellt sich
natürlich die Frage, was kann eine Stiftung, die
den Namen Sergiu Celibidache trägt, überhaupt leisten,
und was erwarten Sie von dieser Stiftung?
Ich erwarte ganz
einfach, dass seine musikalische Denkensart weitergeführt
wird, seine Lehrprinzipien und seine Musizierprinzipien.
Er hatte eine ganz besondere Linie, eine Richtung,
eine Denkensart und was soll die Stiftung anderes
machen, als das zu produzieren, und das weiterzugeben.
Ja, man könnte auch die neue Musikergeneration anregen,
sich mit seinen Dirigentenschülern auseinander zu
setzen.
Im Grunde genommen
sind die Musiker, mit denen Celibidache gearbeitet
hat, ja die Intensivsten Schüler.
Ja, auf jeden Fall!
Wenn die Musiker seine Prinzipien verstanden haben,
können sie diese weitergeben, es geht von einem
zum anderen. Oft liegt aber auch eine Gefahr in
der Nachahmung, insbesondere in der oberflächlichen
Annahme. Oberflächliche Imitation ist das Gefährlichste
überhaupt!
Maestro, es ist
eine große Ehre für uns, dass Sie im Rahmen des
1. Sergiu Celibidache Festivals die Münchner Philharmoniker
dirigieren. Herzlichen Dank dafür!
Ja, gerne. Ich mache
das von ganzem Herzen. Ich habe das Angebot sofort
angenommen, weil ich ihn in seinen letzten Jahren
sehr geliebt habe und sein Orchester, nach wie vor
liebe auch wenn ich Nachbar geworden
bin.

Gestalt
gewordener Wille.
Zum
Tode von Sergiu Celibidache von Hans Zender
Ich war zu Besuch
im Ferienhaus meines Freundes Heinrich Schiff. „Ich
habe Video Aufnahmen von Celi: Bruckner“,
sagte Heinrich. „Du musst sie dir ansehen.“ Videos?
Von Celi? Das Einzige, das ich bisher bei ihm wirklich
ohne jede Einschränkung bewundert hatte, war seine
Frontstellung gegen die Nutzung von Musik in den
Medien. Diese Aufzeichnungen seien die
einzige Ausnahme von dieser Regel, sagte Heinrich,
und mir würde dabei Hören und Sehen vergehen ...
Ich hatte Celibidache vor allem in den 60er Jahren
erlebt, seine Schlagtechnik aufs Tiefste bewundert,
mich aber von seiner manieristischen, etwas eitlen
Attitüde eher abgestoßen gefühlt. In der Erinnerung
haften wunderbar ausbalancierte Aufführungen impressionistischer
Musik, kontrastierend mit Klassiker Interpretationen,
die mir in ihrer marionettenhaften Präzision seelenlos
erschienen. Außerdem: Er hatte die edelste Pflicht
eines Dirigenten immer vernachlässigt den
Dienst an der Musik der eigenen Zeit. Soweit das
die 2. Wiener Schule betraf, konnte ich es in
Anbetracht seiner Verhaftung in der französischen
Tradition noch nachvollziehen; aber
warum ignorierte er auch Messiaen? Niemand wäre
dirigentisch besser für diese schwierige Aufgabe
qualifiziert gewesen als er.
Und nun also der
alte Meister, im höchsten Stadium seiner Reife.
Die Video Aufnahmen vermittelten ein verändertes
Bild; sie bannten mich um es gleich
zuzugeben gegen meinen Willen fast drei
volle Tage vor den Fernsehschirm. Die erste Reaktion
auf diesen Bruckner war Verblüffung („Das kann doch
nicht wahr sein!!“). Bis auf die Hälfte der (üblichen)
Werte gedehnte Tempi; Absenz jedes spontanen Ausdrucks,
jedes spielerischen Impulses; über lange Zeitstrecken
fast konstante Dynamik. Eigentlich hätte das nichts
als Langeweile erzeugen dürfen; das Seltsame war,
dass genau das Gegenteil der Fall war. Die Zeitdehnung
setzte eine neue Qualität des Hörens frei: Man begriff
die Brucknersche Makroform direkt über die Ohren
und nicht über den Intellekt und zwar
sehr viel besser als bei den üblichen, viel schnelleren
Aufführungen. Ein Paradox! Ebenso bewirkte die völlige
Stilisierung aller Affekte durch den so entstandenen
rituellen, fast liturgischen Aufführungscharakter
eine Vertiefung des Hörvorgangs hin zu einer fast
kontemplativen Haltung.
So musste ganz von
alleine als zweite Reaktion die Frage entstehen:
„Wie zum Teufel kriegt der Kerl das hin?“ Diese
Art von Perfektion, die nicht mehr die zirkushafte
Perfektion des großen Virtuosen, sondern die Perfektion
einer völligen Bewusstheit, war, konnte nur und
das war die erste Antwort durch das
bekannte große Maß an Proben erreicht werden, das
Celibidache sich, gegen den Widerstand eines ganzen
Musikbetriebes, immer zu erobern wusste. Das, was
eine gedankenlose, am puren Funktionieren und am
kommerziellen Profit orientierte Konzertpraxis als
„Spontaneität“, gar „Vitalität“ ausgibt, erscheint,
verglichen mit einem solchen Niveau, als reiner
Dilettantismus. Natürlich handelt es sich auch gar
nicht um Spontaneität niemand spielt
ja vom Blatt oder improvisiert , sondern um
eine fatale Halb-Bewusstheit. Gerade bei sehr brillanten
und gut trainierten Orchestern, in deren kollektivem
Gedächtnis sich die Erinnerung an viele verschiedene
Interpretationen der gleichen Stücke vermischt,
kann nur eine exzessive Probenarbeit zu jener magischen
Einheit von Dirigent, Orchester und Konzept führen,
die durch ihre absolute Bewusstheit die höchste
Wirkung hat. Und erst dann siehe Kleists
„Marionettentheater“ kann wie der eine
neue „Spontaneität“ entstehen!
Aber die geduldigste
Probenarbeit und Celibidache unterwarf
sich dieser Fron bis zuletzt wird am
Ende nichts fruchten, wenn nicht dazu die souveräne
Verfügung des Dirigenten über sein eigenes „Instrument“
kommt. Sein Instrument ist der „Schlag“. Die körperliche
Gebrechlichkeit, die jene Video-Aufnahmen zeigen,
hatte durch den erzwungenen Verzicht
auf alle Äußerlichkeiten diesen Schlag
zu einer Impulsschrift reiner Zweckmäßigkeit reduziert.
Das Erstaunliche war, dass dieser Schlag niemals
„abstrakt“ wirkte. Er war ganz eindeutig ein Gestalt
gewordener Wille; er saß exakt auf dem klingenden
Ereignis auf ganz im Gegensatz etwa
zum Taktieren Karajans, das manchmal bis zu einer
ganzen Schlaglänge vorauszeichnete. Er produzierte
aber nicht jene Härte der Attacke, wie sie sonst
für Präzisions-Dirigenten typisch ist, sondern enthielt
alle Modulationsfähigkeit im Augenblick des Niederschlags:
ein Höchstmaß an Plastizität und Differenziertheit.
Die Betrachtung der
künstlerischen Mittel konnte aber letztlich nicht
die wichtigste Frage unterdrücken, die nach der
Ästhetik. Hier musste ich ein weiteres Paradox akzeptieren:
Trotz der extrem individuellen Lesart konnte man
nicht von „Subjektivismus“ als Grundhaltung sprechen.
Ganz im Gegenteil war hier in aller Konsequenz ein
Weg eingeschlagen, der zu so etwas wie „klingender
Architektur“ führte. Das (mir immer verhasste) Wort
von der Architektur als „gefrorener Musik“ schien
hier in seiner Umkehrung bestätigt zu wer den. Die
Musik erhält fast Objektcharakter, der Klang wird
zum „Zeit-Baustein“ ... Celibidache berührte den
einen Pol der Musik, die Form; der andere, entgegengesetzte,
wäre die glühende Lava des „Sich-jetzt-in-diesem-Augenblick-Ereignenden“:
der Traum aller Romantiker.
In den letzten Jahren
konnten die Musikfreunde gerade am Beispiel Bruckners
erfahren, wie verschieden ein großer Interpret die
Schrift der Partitur lesen kann. Die Zeichen der
Partitur sind ja unendlich mehrdeutig. Hört man
Günter Wand eine Bruckner-Sinfonie dirigieren und
vergleicht sie mit einer Celibidache-Interpretation,
so glaubt man manchmal, es handele sich nicht um
das gleiche Stück. Jugendlich, feurig, dramatisch
gespannt fliegt die Zeit bei Wand dahin,
wohingegen man bei Celi schon manchmal das Gefühl
hatte, dass Amfortas die Zeremonie des Grals zelebriere.
Aber das Wunderbare ist doch, dass beide Extreme
nebeneinander möglich sind! Was für eine große und
geheimnisvolle Sache ist doch die Musik; welcher
Reichtum an Farben und Ideen schlummert schon in
einer einzigen Partitur und wie viel
Partituren schlummern noch in den Köpfen der Komponisten
...
Am Ende des dritten
Tages meines Celi-Video-Rausches geschah etwas ernüchternd
Seltsames. Mitten im langsamen Satz der 6. erstarrte
Celi plötzlich, mit erhobenem Arm, dem aufschauenden
Konzertmeister zugewandt. Der Fernseher streikte,
und keine Überredungskünste konnten ihn wieder in
Gang bringen. Die von Celi so verabscheute Technik,
sie schnitt in einer bösen Parodie dem künstlerischen
Ideal der Objektivation eine Fratze. Der
Bann war gebrochen: Ich konnte mich wieder mir selbst
zuwenden. Zurück blieb der neu gewonnene Respekt
vor einer vollkommenen Meisterschaft, zu dem sich
jetzt die Trauer um einen großen Verlust gesellt.
August
1996 Abdruck mit freundlicher Genehmigung von
Breitkopf & Härtel. Eine Veröffentlichung
dieses Textes wird erscheinen In: Hans Zender,
Die Sinne denken. Schriften zur Musik, Wiesbaden:
Breitkopf & Härtel, 2003

loana
Celebidachi
loana, die französische
Malerin rumänischer Abstammung, lebt und arbeitet
in Paris. Sie begann ihre künstlerische Karriere
bereits in sehr jungen Jahren, studierte in Rom
und Paris und arbeitete in Stuttgart mit den Malern
Baumeister und Fridlander zusammen.
Neben der Malerei
widmet sie sich auch der Literatur: In ihrer Jugend
veröffentlichte sie zwei Gedicht bände, „Geständnis“
und „Erinnerungen“, in französischer Sprache. Nach
dem Tod ihres Mannes, des weltberühmten Dirigenten
Sergiu Celibidache, verfasste sie das Buch „Sergiu,
autrement“, das mit Humor die überraschenden Ereignisse
und Wendungen ihres gemeinsamen Lebens nachzeichnet.
Ioana nimmt an vielfältigsten
Kunstveranstaltungen teil und gewann neben vielen
anderen Auszeichnungen die „Médaille d'Or des Arts,
Sciences et Lettres“ im Jahre 2001. Ihre Werke,
die sie in den USA, Japan und ganz Europa ausstellt,
sind in vielen Museen und zahlreichen Privatsammlungen
vertreten.
loanas Malerei zeichnet
sich durch einen sensiblen und nuancenreichen Umgang
mit Farbe und Form aus. Die abstrakten Gemälde sind
dynamisch komponiert und schaffen phantasievolle
Traumwelten. Virtuose Beherrschung der Technik verbindet
sie mit einfühlsamer Farbgebung. Die wohl wichtigste
Referenz ihrer Kunst ist Paul Klee, dessen Stil
sie in ihrer strukturvollen, farbkräftigen Malerei
inspirierte. Im Rahmen einer Reise nach Bern lernte
sie Felix Klee, seinen Sohn, kennen. Er war begeistert
von der Wesensverwandtschaft von Ioanas Malerei
mit der seines Vater und legte ihr noch kurz vor
seinem Tode nahe: „Bleiben Sie sich treu!“
In
September 2011 wurde Iona Celebidachi
mit den französischen "Ordre des
Arts et des Lettres" für Ihr künstlerisches
Gesamtwerk geehrt. Die Zeremonie fand
in München unter Teilnahme von Oberbürgermeister
Christan Ude statt.
Die
Witwe des Dirigenten Sergiu Celibidache
ist Freitag den 13. Januar in Paris
nach schwerer Krankheit gestorben.
Bilder von Ioana
Celebidachi :
french-art und Celiprod
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