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Christoph
Schlüren neue musikzeitung
Entführung
in den Kern der Musik: Celibidache-Aufnahmen
aus Berlin und München
Celibidache
war nicht nur der einflussreichste Dirigierlehrer
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,
er hat auch die Musiktheorie in einer
Weise revolutioniert, die zwar bis heute
nicht in die Trutzburgen der orthodoxen
Musikwissenschaft vorgedrungen ist,
die jedoch die schulmäßigen Grundsätze
dessen, was als ‚allgemeine Musiklehre’
gilt, auf den Kopf stellt und archaische
Schlüssel zu einer systematischen Erkundung
der Beziehung Mensch-Klang-Musik bereit
stellt, von denen frühere Generationen
nur träumen konnten. Viele Aspekte von
dem, was er bei seinen musikphänomenologischen
Forschungen entdeckte, waren schon bei
seinen Vorgängern angelegt, allen voran
sein Lehrer Heinz Tiessen (1887-1971),
zur Zeit der Weimarer Republik einer
der führenden Köpfe des Expressionismus.
Der
Lehrer: Heinz Tiessen
Leider
kennen wir heute den Komponisten Heinz
Tiessen kaum, was auch daran liegt,
dass sein Œuvre relativ schmal ist und
seine schöpferische Energie nach den
auszehrenden Erfahrungen des Dritten
Reichs und des Krieges abgeschwächt
war. Doch welch dämonische, hypnotische
Energien er zu entfalten vermochte,
welch großartige architektonische Meisterschaft
der organisch freien Formung, welch
eigentümlich ausdrucksvolle, in allen
Dissonanzen vollendet ausgehörte, dicht
gesponnene, linear drängende Tonsprache
mit der Macht herber Authentizität uns
hier zeitlos anspringt, das dürfte all
jene überraschen, die glaubten, der
Gang der Musikgeschichte erkläre sich
erschöpfend mit den „üblichen Verdächtigen“
wie Schönberg, Webern, Berg, Bartók,
Strawinsky, Hindemith, Krenek usw. Die
bei Audite erschienene, schön aufgemachte
3-CD-Box mit Celibidaches sämtlichen
RIAS-Aufnahmen, dokumentiert 1948-57
in Berlin mit den beiden Rundfunk-Orchestern
und den Philharmonikern, bringt nicht
nur klanglich eine deutliche Verbesserung
bei den Insidern längst bekannten, bislang
halblegal erhältlichen Tondokumenten
(Busonis Violinkonzert mit Siegfried
Borries, Hindemiths Klavierkonzert mit
Gerhard Puchelt, Genzmers 1. Flötenkonzert
mit Gustav Scheck, Coplands Appalachian
Spring-Konzertfassung), sie überrascht
zudem mit neuem Material wie die ‚Rhapsody
in Blue’ (mit Puchelt), in welcher der
Maestro die Berliner Philharmoniker
nicht etwa an den etabliert zeitgenössischen
Swing anknüpfen ließ, sondern an die
lebenssprühende New Orleans-Tradition
mit ihren charakteristisch konturierten
Tempo- und Charakterkontrasten – Gershwin
aus dem Geist des überlieferten Blues
und Jazz, und das von Deutschlands führendem
Orchester nur gut drei Jahre nach dem
Ende der Aussperrung der ‚Entarteten’,
das war nun wahrlich ein Abenteuer,
das auch heute noch spannend zu hören
ist.
Busonis
Violinkonzert ist heute häufiger zu
hören, doch wohl kaum je mit einem so
erhaben poetisch fließenden langsamen
Satz, und Hindemiths großes Klavierkonzert
von 1945 ist ein substanzielles, über
dem Zeitgeist stehendes Werk, das hier
mustergültig einstudiert wurde. Einen
kuriosen Sonderfall stellt Harald Genzmers
Flötenkonzert dar: Nachdem Gustav Scheck
es mit Celibidache gespielt hatte (und
glücklicherweise vorliegende Aufzeichnung
gemacht wurde), war es Severino Gazzelloni,
der als Nächster Interesse an dem Konzert
signalisierte. Also schickte der Komponist
Partitur und Stimmen nach Italien. Dort
kam es jedoch weder zu einer Aufführung,
noch schickte Gazzelloni je das Material
zurück und antwortete auch nicht auf
Nachfragen. Als Genzmer dann von anderer
Seite darum gebeten wurde, schrieb er
notgedrungen in seiner Eloquenz ein
neues Flötenkonzert. Das erste Flötenkonzert
hat er nie zurück bekommen (wahrscheinlich
ist es heute Bestandteil des Gazzelloni-Nachlasses),
und das zweite firmiert seither in seinem
Werkverzeichnis als sein einziges. Schließlich
vergaß Genzmer die ganze Geschichte
völlig, und erst als ich ihn ein halbes
Jahrhundert später in einem Interview
anlässlich seines neunzigsten Geburtstags
darauf ansprach, meinte er: „Sie erinnern
mich an etwas…“
Sehr
packend ist Celibidaches glutvolle Zweitaufführung
(am Tag nach der Uraufführung) von Reinhard
Schwarz-Schillings Introduktion und
Fuge für Streichorchester, der chorischen
Fassung des Kopfsatzes aus Schwarz-Schillings
großem Streichquartett f-moll von 1932,
in welchem Elemente der Tonsprachen
Bachs, Beethovens, Bruckners und seines
Lehrers Heinrich Kaminski eine machtvoll
retrospektiv artikulierte Stilfusion
eingehen. Die philharmonischen Streicher
spielen zwar nicht immer ganz sauber,
jedoch umso herb-klarer, wilder, bildhaft
elementarer.
Heinz
Tiessens drei hier vorgestellte Tonschöpfungen
zeugen von großartiger Korrelationsgabe
ihres Schöpfers und wurden von Celibidache
mit dem Radio-Sinfonieorchester Berlin
am 7. Oktober 1957 in einem Konzert
anlässlich des siebzigsten Geburtstags
seines Lehrmeisters vorgestellt. Die
Symphonie ‚Stirb und Werde!’ op. 17
als frühestes Werk weist manchmal noch
deutliche Spuren von Richard Strauss
auf, doch in einem ganz anderen, viel
strengeren und moderneren Geist ist
sie von überbordend idealistischem Ausdruckswillen
getragen – in einem 25-minütigen Satz
konzipiert, ist sie zudem ein architektonisches
Meisterstück in der großen symphonischen
Tradition. Tiessen wurde dann zu einem
der begehrtesten Schöpfer von Bühnenmusiken
in der Berliner Theaterszene, um dessen
Dienste die großen Regisseure wie Jürgen
Fehling, Max Reinhardt oder Ludwig Berger
wetteiferten. Seine Konzert-Suite aus
‚Hamlet’ zeugt von höchst suggestiver
Stimmungsmalerei, die zugleich kompaktes
Psychodrama von äußerster Verdichtung
ist – eine unheimlicher den Hörer in
Bann ziehende ‚Stürmische Winternacht
am Meer auf der einsamen Schlossterrasse’
lässt sich nicht denken. Und den Gipfel
expressionistischer Zuspitzung erreicht
Tiessen in der rastlosen Ekstase seiner
Suite aus dem Tanzdrama Salambô, einem
Stück existenzieller 20er-Jahre-Musik,
das uns mehr über den Zeitgeist erzählt
als hundert Geschichtsbücher und dabei
in der komprimierten Aussage und kreativen
Fantasie von zeitloser Qualität ist.
Dank Celibidaches spannungsreichem,
fulminant hingabevollem Dirigat lief
das Orchester zu Höchstform auf und
brachte einen Tiessen zu Gehör, wie
er in solcher Größe wahrscheinlich seither
nie wieder erklungen ist. Diese Aufnahmen
gehören zu den interessantesten Tondokumenten,
die in den letzten Jahren veröffentlicht
wurden.
Neuauflage
der EMI-Edition
Nun,
im Sommer 2012 wird Sergiu Celibidaches
hundertster Geburtstag gefeiert, und
die EMI, die nach seinem Tod als erste
Live-Aufnahmen mit den Münchner Philharmonikern
veröffentlichte, hat sich beeilt, diese
Aufnahmen sämtlich in vier sehr günstigen
Boxen (Bruckner / Symphonien von Haydn
bis Brahms / Französische und slawische
Musik / Geistliche Musik und instrumentale
Opernextrakte) wiederzuveröffentlichen,
ausgestattet mit neuen Booklettexten
aus der Feder von Eckhard van den Hoogen,
die neben Witz und Engagement auch von
einer gewandelten Einstellung des Autors
zeugen, der über der Beschäftigung mit
diesen Dokumenten seine Vorurteile revidierte
– sehr lesenswert und auch mit überraschenden
Einfällen geziert! Leider sind es nicht
sämtliche Aufnahmen, die die EMI wiederveröffentlicht.
Man könnte meinen, die knappe CD, auf
der sich nur die Nussknacker-Suite befindet,
hätte einem Sachzwang entsprochen, doch
hat man die einstige Pilot-CD der Serie
übersehen, auf welcher sich eine herrliche
Aufführung von Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre
Romeo und Julia befand, die nun wirklich
dazu gepasst hätte. Pech, das allerdings
nicht am Rest kleben bleibt.
Vieles
ist über diese Aufnahmen geschrieben
worden. So großartig die Aufführungen
waren, hat man doch nicht immer die
besten Konzerte erwischt – Bruckners
Fünfte beispielsweise ist aus Japan
auf CD viel packender dokumentiert,
Schuberts große C-Dur-Symphonie war
an anderen Abenden viel lebendiger gelungen;
und die Subtilitäten in Mozarts Symphonie
g-moll KV 550 oder bei Haydn (Symphonien
Nr. 92, 103 und 104) ließen sich nicht
entfernt so deutlich abbilden, dass
das Tempo als authentisch plausibel
nachvollziehbar wäre - wunderschön,
in ergreifender Todesnähe, aber kaum
reproduzierbar. Andererseits, welche
Klarheit, dynamische Souveränität, Poesie
und Farbenpracht bei Beethoven (alle
Symphonien außer der Zweiten und die
dritte Leonore-Ouvertüre), sei es die
Eroica, die unendlich verfeinerte Pastorale,
die Siebente mit einem Kopfsatz, der
endlich einmal die realen metrischen
und artikulatorischen Verhältnisse zum
Vorschein bringt und demzufolge wie
eine völlig andere Musik als das Altbekannte
erscheint, oder die Neunte mit einem
Scherzo, in welchem abweichend von allen
Aufführungstraditionen das Tempoverhältnis
zwischen Hauptteil und Trio stimmt,
und mit einem Adagio, das alles transzendiert,
was wir bis dahin unter Beethoven verstanden
haben.
Und
dann Brahms (Symphonien Nr. 1-4, Haydn-Variationen)
– wann hätten wir das je so rund, reich
und eindeutig gehört, dass Stringenz
und Flexibilität zu einer solchen Einheit
freien Ausdrucks beitragen, die wirkt,
als könne sie anders nicht sein. Ja,
danach ist es schwer, einen anderen,
weniger bewusst, gekonnt und selbstvergessen
gestalteten Brahms zu ertragen! Nichts
anderes gilt für Schumann (2.-4. Symphonie),
Wagner und natürlich Bruckner (Symphonien
Nr. 3-9, Messe f-moll und Te Deum),
aber darüber wurde schon so viel berichtet,
dass ich mich hier nur darauf beschränken
möchte, zu bestätigen, dass die Münchner
Philharmoniker unter Celibidache Bruckner,
aber beispielsweise auch Brahms, Strauss,
Debussy, Ravel, Hindemiths Mathis der
Maler-Sinfonie oder Schostakowitschs
Fünfte mit einer Vollendung gespielt
haben, die beispiellos ist.
Celibidaches
Rang hinsichtlich der französischen
Musik ist auch vielerorten überschwänglich
gewürdigt worden. Bei aller Bewunderung
des klanglichen Raffinements wurde dabei
zumeist übersehen, dass es fast noch
mehr die Fähigkeit bezwingend zusammenhängenden
Gestaltens war, die diesen Aufführungen
das Singuläre verlieh. Eins geht organisch
aus dem anderen hervor, nichts erscheint
mehr dem Zufall oder irgendeinem äußerlichen
tondichterischen Willensakt überlassen,
die Musik ersteht wie von selbst aus
dem Moment, und La mer, Ibéria, Bolero
oder Ravels Orchestration der Bilder
einer Ausstellung ertönen mit einer
Macht, die alle konventionellen Annäherungsweisen
verblassen lässt. Dann Tschaikowsky
(4.-6. Symphonie), ‚jenseits des Effekts’
und jenseits von Kitsch und selbstmitleidiger
Sentimentalität, veredelt bis in den
hintersten Winkel des grandiosen Orchestersatzes,
der breiten Tempi wegen umstritten bei
den Tschaikowskianern, doch geliebt
von den Freigeistern der Welt wie etwa
Juha Kangas, der diese Musik als vollkommen
verwandelt erlebte. Rimsky-Korsakovs
Scheherazade erstrahlt als gehaltvolles(!),
in Myriaden von Abtönungen geschliffenes
Kronjuwel. Prokofieffs Fünfte erhält
mit einem Mal objektiv bedeutendes symphonisches
Format abseits des Plakativen, das ihm
so oft vorgeworfen wurde. Bartóks Konzert
für Orchester eröffnet eine ungeahnte
epische Dimension. Die Musik von Albert
Roussel findet (in der Petite Suite
und der Suite en fa) zu jener Weite
und Tiefe, die wir gewöhnlich stets
vermissen. Rossini erklingt mit einer
feinziselierten Ironie und ursprünglichen
Freude, und ohne die übliche primitive
Lärmerei, so dass mancher ob der unerwarteten
Noblesse vielleicht gar befremdet sein
mag.
Weitere
bezaubernde romantische Solitäre, in
zärtlicher Anmut, gebändigtem Schwung
und klarer Strukturierung: Mendelssohns
Hebriden- und Sommernachtstraum-Ouvertüre,
Webers Oberon-Ouvertüre, Verdis Forza
del destino-Ouvertüre, Smetanas Moldau.
Und dann: Wagner überwältigt ohne jeden
Anflug von Vergewaltigung kraft seiner
melodischen Potenz und trägt uns im
Karfreitagszauber in Dimensionen fern
allen Weltgepräges. Und das Tristan-Vorspiel
entfaltet sich so natürlich aus seinen
ihm innewohnenden Triebkräften heraus,
dass alleine das Ausmaß an Zärtlichkeit
schwindelerregend empfunden werden kann.
Alles klingt so authentisch, so nah,
auch der Trauermarsch auf Siegfrieds
Tod aus der Götterdämmerung, der berührt,
als wäre der Held wirklich soeben gestorben.
Außerdem: Tannhäuser-Ouvertüre, Meistersinger-Vorspiel,
und ein jegliches Zeitmaß transzendierendes
Siegfried-Idyll in wahrlich ‚himmlischen
Längen’.
Schließlich
Celibidache und der Chor: Selbst Skeptiker
waren begeistert von Bachs Messe h-moll
mit dem Mainzer Universitätschor, von
der Macht der Gegensätzlichkeiten im
Credo, von der Konsequenz der Umsetzung
der Charaktere, von der lebendigen kontrapunktischen
Durchdringung, vom unentwegten Fließen
und rhythmischen Flow und Swing, von
der ‚Ewigkeitsnähe’ der langsamen Partien.
Gewaltig, dunkel, in höchster Würde
und beherrschter Urkraft ertönt Mozarts
Requiem. In Verdis Requiem mag fast
alles überzeugen, überwältigen, nur
leider nicht das Solistenquartett. Im
Libera me von Faurés Requiem, das von
Anfang bis Ende eine Wonne ist, singt
der ganze Chor wie mit einer einzigen
Stimme, hier nimmt offensichtlich eine
Welt musikalische Gestalt an, die hinausträgt
über alle Dramen der Alltäglichkeit.
Und auch der Schlusssatz von Strawinskys
Psalmen-Symphonie berührt die Ewigkeit
und wie ein archaische Akkordfolge gewordenes
Symbol entführt er ins Reich des immerwährenden
Jetzt – was freilich die ganze Zeit
geschieht in diesen Aufnahmen, soweit
sie das damals Erklungene nachvollziehen
lassen. Komm, wir lassen uns entführen
– und finden uns im Kern der Musik der
wieder.

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