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Michael
Strobel - Celibidache in Stuttgart
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Es
gewinne keiner mit dem Weggang des Vierundsechzigjährigen:
Der
Südfunk, weil er auf eine Attraktion verzichten
muß, die ihn durch Übertragungen und Gastspielreisen
selbst da noch bekanntgemacht hat, wo man von der
Existenz dieses Senders keine Ahnung hatte. Das
Radio-Sinfonieorchester, das einen Orchestererzieher
verliert, wie er ihm so bald kaum mehr beschieden
sein wird. Das Publikum, weil es von nun an jener
Konzertabende entraten muß, die zu den unumstrittenen
Höhepunkten jeder Saison gehörten. Das musikalische
Stuttgart schließlich, das nach dem Weggang von
Carlos Kleiber vor zwei Jahren nun abermals einen
Aderlaß verzeichnet, der kaum wettgemacht werden
kann.
Wenige
Tage später erhielt Peter Kehm Post von Klaus Günzel,
dem Leiter des Betriebsbüros der Württembergischen
Staatstheater. Günzel schrieb mit einem deutlichen
Seitenhieb auf Carlos Kleiber an den vermeintlichen
Leidensgenossen Kehm:
Es
gehört meiner Meinung nach geradezu unpopulärer
Mut dazu, maßlose Forderungen und extravagante Wünsche
egozentrischer Interpreten, deren Intelligenzgrad
oftmals in krassem Widerspruch zu ihrer Popularität
steht, im geeigneten Augenblick in die ihnen gebührenden
Schranken zu verweisen. Nur dann erscheint es mir
möglich, unseren ohnehin durch persönliche und kommerzielle
Interessen weitgehend korrumpierten und seinen eigentlichen
Zielen entfremdeten Kulturbetrieb in einer Weise
aufrecht zu erhalten, die seinen wahren und eigentlichen
Zielen entspricht.37
Am
selben Tag hatte Kehm in einem Leserbrief und als
Reaktion auf Dannenbergs Ausführungen klargestellt,
der Südfunk habe deshalb nichts Offizielles über
die Beendigung von Celibidaches Arbeit verlauten
lassen, weil noch nicht festgestanden habe, ob er
nicht doch in anderer Form gelegentlich an das Orchester
zu binden sei. Daß man ihn zu leicht habe ziehen
lassen, davon könne keine Rede sein, er selbst habe
entschieden, seine Arbeit zu beenden. Tatsächlich
bemühte sich Kehm, die Verbindung zu Celibidache
nicht abreißen zu lassen. Am 28. Februar 1977, nach
dem letzten Konzert in Paris, an dem Kehm nicht
hatte teilnehmen können, dankte er dem »Maestro«
in einem dreiseitigen, handschriftlichen Brief für
dessen Arbeit, verbunden mit der Einladung, wiederzukommen
»wann immer es Ihnen möglich ist.«38
Zunächst aber geschah nichts. Offenbar hatte Celibidache
in dieser Zeit wieder einmal nur wenige Verpflichtungen,
Verhandlungen mit dem Norddeutschen Rundfunk scheiterten
an seinen altbekannten Forderungen und an der Ablehnung
von Studioproduktionen. Gespräche mit dem ORTF in
Paris waren schon 1975 unsanft abgebrochen worden.
Mitte Juni schickte Intendant Bausch Kehm eine Hausmitteilung:
»S.G. feiert am 28. Juni seinen 65.Geburtstag. Wie
verhalten wir uns?«39
Kehm reagierte mit einem Glückwunschtelegramm und
teilte dem Jubilar mit, der Südfunk habe sein Ölportrait
des renommierten Malers Fritz Kohlstädt für eine
größere Summe käuflich erworben (Siehe Abbildung
1). Im September erschien Celibidache dann überraschend
persönlich in Stuttgart.
Ein
mild gestimmter Meister – er konnte in solchen Augenblicken
geradezu kindlich wirken – erschien und erzählte
mir von Frau und Sohn, um schließlich, Blick zurück
ohne Zorn, zu äu ßern, zwischen uns habe alles
nur so kommen können, weil er sich mit mir nicht
genügend be schäftigt habe und mir sein Verständnis
von Musik nicht ausreichend nahegebracht habe. Es
war rührend, aber mit der Wirklichkeit hatte es
ja nun nicht viel zu tun,
so
schreibt Kehm in seinen Erinnerungen.40.
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37
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Kehm,
22. Februar 1977, in: Archiv des SWR,
10/28204.
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Celibidache,
28. Februar 1977, in: ebd. 10/28204.
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39
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Bausch
an Kehm, 16. Juni 1977, in: ebd.
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40
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Kehm:
Vorrübergehend lebenslänglich (1990),
S. 213.
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