Logo

Home   Biographie   Aktuell   Literatur   Audio   Video   Stiftung   Diverses   Presse   Links

 

Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

Zurück
Download als PDF File 

 

Michael Strobel - Celibidache in Stuttgart

Es gewinne keiner mit dem Weggang des Vierundsechzigjährigen:

Der Südfunk, weil er auf eine Attraktion verzichten muß, die ihn durch Übertragungen und Gastspielreisen selbst da noch bekanntgemacht hat, wo man von der Existenz dieses Senders keine Ahnung hatte. Das Radio-Sinfonieorchester, das einen Orchestererzieher verliert, wie er ihm so bald kaum mehr beschieden sein wird. Das Publikum, weil es von nun an jener Konzertabende entraten muß, die zu den unumstrittenen Höhepunkten jeder Saison gehörten. Das musikalische Stuttgart schließlich, das nach dem Weggang von Carlos Kleiber vor zwei Jahren nun abermals einen Aderlaß verzeichnet, der kaum wettgemacht werden kann.

Wenige Tage später erhielt Peter Kehm Post von Klaus Günzel, dem Leiter des Betriebsbüros der Württembergischen Staatstheater. Günzel schrieb mit einem deutlichen Seitenhieb auf Carlos Kleiber an den vermeintlichen Leidensgenossen Kehm:

Es gehört meiner Meinung nach geradezu unpopulärer Mut dazu, maßlose Forderungen und extravagante Wünsche egozentrischer Interpreten, deren Intelligenzgrad oftmals in krassem Widerspruch zu ihrer Popularität steht, im geeigneten Augenblick in die ihnen gebührenden Schranken zu verweisen. Nur dann erscheint es mir möglich, unseren ohnehin durch persönliche und kommerzielle Interessen weitgehend korrumpierten und seinen eigentlichen Zielen entfremdeten Kulturbetrieb in einer Weise aufrecht zu erhalten, die seinen wahren und eigentlichen Zielen entspricht.37

Am selben Tag hatte Kehm in einem Leserbrief und als Reaktion auf Dannenbergs Ausführungen klargestellt, der Südfunk habe deshalb nichts Offizielles über die Beendigung von Celibidaches Arbeit verlauten lassen, weil noch nicht festgestanden habe, ob er nicht doch in anderer Form gelegentlich an das Orchester zu binden sei. Daß man ihn zu leicht habe ziehen lassen, davon könne keine Rede sein, er selbst habe entschieden, seine Arbeit zu beenden. Tatsächlich bemühte sich Kehm, die Verbindung zu Celibidache nicht abreißen zu lassen. Am 28. Februar 1977, nach dem letzten Konzert in Paris, an dem Kehm nicht hatte teilnehmen können, dankte er dem »Maestro« in einem dreiseitigen, handschriftlichen Brief für dessen Arbeit, verbunden mit der Einladung, wiederzukommen »wann immer es Ihnen möglich ist.«38 Zunächst aber geschah nichts. Offenbar hatte Celibidache in dieser Zeit wieder einmal nur wenige Verpflichtungen, Verhandlungen mit dem Norddeutschen Rundfunk scheiterten an seinen altbekannten Forderungen und an der Ablehnung von Studioproduktionen. Gespräche mit dem ORTF in Paris waren schon 1975 unsanft abgebrochen worden. Mitte Juni schickte Intendant Bausch Kehm eine Hausmitteilung: »S.G. feiert am 28. Juni seinen 65.Geburtstag. Wie verhalten wir uns?«39 Kehm reagierte mit einem Glückwunschtelegramm und teilte dem Jubilar mit, der Südfunk habe sein Ölportrait des renommierten Malers Fritz Kohlstädt für eine größere Summe käuflich erworben (Siehe Abbildung 1). Im September erschien Celibidache dann überraschend persönlich in Stuttgart.

Ein mild gestimmter Meister – er konnte in solchen Augenblicken geradezu kindlich wirken – erschien und erzählte mir von Frau und Sohn, um schließlich, Blick zurück ohne Zorn, zu äu ßern, zwischen uns habe alles nur so kommen können, weil er sich mit mir nicht genügend be schäftigt habe und mir sein Verständnis von Musik nicht ausreichend nahegebracht habe. Es war rührend, aber mit der Wirklichkeit hatte es ja nun nicht viel zu tun,

so schreibt Kehm in seinen Erinnerungen.40.

37  

Kehm, 22. Februar 1977, in: Archiv des SWR, 10/28204.

39  

Celibidache, 28. Februar 1977, in: ebd. 10/28204.

39  

Bausch an Kehm, 16. Juni 1977, in: ebd.

40  

Kehm: Vorrübergehend lebenslänglich (1990), S. 213.